Ein Akt des Widerstands

Tatjana Gürbaca rückt dem Publikum in Bremen mit «Simplicius Simplicissimus» auf die Pelle, Clemens Heil dirigiert Hartmanns luzide Partitur mit Biss

Die volle Wirksamkeit ihrer Kunstform erreichen nur die wenigsten Opern-Inszenierungen. Diese Regiearbeit zählt zweifelsohne zu ihnen: Sie ist grausam wie witzig, sie rührt zu Tränen – und sie rüttelt auf, weil Tatjana Gürbaca und ihr Team das Werk in seiner politischen Brisanz ernst genommen haben. Die speist sich, ohne sich darin zu erschöpfen, aus seiner Entstehungssituation: Hartmann schrieb «Die Jugend des Simplicius Simplicissimus» 1934/35 in enger Absprache mit dem exilierten Dirigenten Hermann Scherchen.

Der hatte ihm Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens barocken Schelmenroman bekannt gemacht, aus dem die beiden dann, unterstützt vom Münchner Dramaturgen Wolfgang Petzet, das Libretto entwickelten. Dies, gezielt unverbunden und fragmentarisch, reduziert die 600-seitige, an Wendungen reiche literarische Vorlage auf drei Bilder: Im ersten soll der Antiheld Schafe hüten, schläft jedoch ein, bis Landsknechte auftauchen und einen Bauern samt seinem Vieh niedermetzeln. Im zweiten nimmt ein Einsiedler den geflüchteten Simplicius auf und erzieht ihn, bis zu seinem Tode, wie einen Sohn. Im Schlussbild dann trifft der junge Mann auf eine dekadente höfische Gesellschaft: Die ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Benno Schirrmeister

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