Handel's Queen
Die Frau spinnt. Scheint völlig neben der Spur zu sein. Vermutlich eine Nymphomanin. An jedem Typen, der vorüberkommt, schnüffelt sie herum wie an einer Linie Koks; ob alt oder jung (der Typ, nicht das Kokain), spielt keine Rolle. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Morgana in ihrem Leben vor allem ein Ziel hat, und das besteht darin, Männer zu verführen. Also rennt Alcinas Punk-Schwester. Rennt in ihrem durchscheinend-dunkelblauen Vintagekleid, mit coolschwarzen Doc Martens an den Füßen über die Bühne – jedoch nicht um ihr Leben, sondern dem «Joy of Sex» hinterher.
Nur einen übersieht sie lange Zeit, und das ist ausgerechnet jener Mann, der sie aufrichtig liebt.
Für Mary Bevan scheint die Partie wie gemacht. Sie verlangt Spielfreudigkeit und Schnelligkeit nicht nur im Vokalen, sie verlangt Agilität, Flexibilität, Variabilität. Und sie liegt hoch. Etliche Male umkreist Morganas Tessitur das zweigestrichene a, nicht selten ist in der Partitur davor ein gewaltiger Sprung aufwärts notiert. Doch die englische Sopranistin fliegt über diese Bergwelten in Händels «Alcina» mit rhetorisch eleganter Leichtigkeit hinweg. Gefragt, wie viel Prozent von Morgana in ihr selbst wohnen, ...
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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Jürgen Otten
Zwischen «Luisa Miller» und «Rigoletto» komponierte Giuseppe Verdi seinen «Stiffelio», ein Werk, das nach seiner Uraufführung in Triest von der Bildfläche verschwand und in der originalen Gestalt erst 1968 in Parma wiederaufgeführt wurde. Bis heute ist es in der Familie der Verdi-Opern ein ungeliebtes Stiefkind. Aachen und Dijon zeigten nun höchst unterschiedliche,...
Das deutsche Wort «Sehnsucht» sei in andere Sprachen kaum übersetzbar, schreibt die kanadische Sängerin und Dirigentin Barbara Hannigan in ihrem Vorspann zur gleichnamigen CD mit Werken von Berg und Mahler. Sie erklärt es ihrem internationalen Publikum als «ein Verlangen nach etwas, das nicht sein kann», als «einen Verlust, der nur ein endloses Sehnen hinterlässt»....
Menschen tendieren gelegentlich zu Dummheit und Spießigkeit. Doch: kein Grund zur Aufregung! Oder: wenn Aufregung, dann im Opernhaus! Philippe Boesmans jedenfalls erfüllte sich mit seinem letzten Werk den lang gehegten Wunsch nach einer komischen Oper. Mit seinem Stammhaus, dem Théâtre La Monnaie, durch vier Jahrzehnte und ein halbes Dutzend Uraufführungen eng...
