Hammer ohne Sichel

Weber: Der Freischütz Budapest / Staatsoper im Erkel-Theater

Wenn ein Gelehrter seine Seele dem Teufel verkauft, wird daraus Welttheater. Tut es ein simpler Jäger, endet es in einer Schauer-Story mit moralinsauer erhobenem Zeigefinger. Insofern hat Max gegenüber Faust keine Chance. Dass man jedoch auch der Geschichte vom Freischützen eine kulturphilosophische Grundierung geben kann, bewies nicht zuletzt der diesjährige Grazer «Ring-Award», dessen Gewinnerinnen die Befindlichkeit der deutschen Romantik auf der Grundierung religiöser Drohgebärden untersuchten.

Sándor Zsótér an der Budapester Staatsoper – in der renovierten Dependance Erkel-Theater – überträgt diese Drohgebärden aufs Ideologische und macht aus Friedrich Kinds und Carl Maria von Webers Geschichte eine Parabel vom Außenseitertum in politischen Systemen mit diktatorischem Anspruch. Den Moment der Wahrheit erreicht seine Inszenierung bei der Enthüllung des vermeintlichen Jungfernkranzes: Es ist keine Totenkrone, sondern ein Blumenornament, wie es im Ostblock bei politischen Feiern üblich war, bloß dass dem Hammer hier die Sichel fehlt. Mit einem ähnlichen Gerät hatte Ännchen vorher schon das Porträt des alten Kuno poliert – ein lebendes Bild mit einem Karl-Marx-Doppelgänger.

Doch ...

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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Gerhard Persché

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