Halb lebendig

Korngold: Die tote Stadt
Berlin | Komische Oper

Das Stück wird geliebt, seine kompositorische Finesse oft gerühmt. Aber es könnte noch viel besser sein, hätte Erich Wolfgang Korngold die Oper nicht mit Anfang 20, sondern mit 30 geschrieben und den «Genius loci» nicht vollständig aus der Musik verbannt. Das von ihm und seinem Vater verfasste Libretto weist Brügge durchaus eine zentrale Rolle zu; musikalisch jedoch reduziert sich die Handlung auf Paul, der nicht aufhören kann, seine verstorbene Frau Marie zu beweinen, bis ihn die Tänzerin Marietta, äußerlich Maries Doppelgängerin, um den Verstand bringt.

Im Roman – die Personen tragen dort andere Namen – erdrosselt der Witwer schließlich die lästige Verführerin. Korngolds Libretto entwertet den Plot, indem es den Mord als Traum darstellt.

Georges Rodenbachs «Bruges-la-Morte», ein Meisterwerk des Symbolismus, erzählt eine der sonderbarsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Ohne die graue Schwermut dieses Ortes, ohne seinen Nebel, Regen und unaufhörlichen Glockenklang, die zusammengenommen wie die «kalte Asche der Zeit» über allem liegen, würde die morbide Amour fou des Romans keinen Menschen mehr interessieren. Von den wesentlichen Ingredienzen sind, und das auch nur als ...

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Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Volker Tarnow

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