Richard Wagner und das Tempo in seiner Musik

Der Dirigent Hartmut Haenchen, der im März 2013 siebzig Jahre alt wurde, legt seine gesammelten Aufsätze vor. Das zweibändige Werk mit dem Titel «Werktreue und Interpretation» wird in Kürze im Pfau-Verlag (Saarbrücken) erscheinen. Es sind Texte, die subtile Quellenkenntnis mit profunder theaterpraktischer Erfahrung kombinieren. Zu den eindringlichsten Aufsätzen Haenchens gehört seine Auseinandersetzung mit den Tempi in Wagners Musikdramen. «Opernwelt» bringt einen exklusiven Vorabdruck.

Im Zeitalter der Medien geht es im Allgemeinen nicht mehr um die Darstellung des jeweiligen Werkes, sondern um die Selbstdarstellung der Dirigenten und Regisseure. Da von der Mehrzahl der Medien bei der Vielzahl der Ereignisse nur noch die Extreme beachtet werden – es muss extrem jung oder alt, extrem schnell oder langsam, extrem leise oder laut, extrem schön oder hässlich sein – richtet sich eine überwältigende Zahl der Interpreten nach dieser Anforderung der Zeit, um von diesen Medien beachtet zu werden.

Diese These zu erhärten, scheint nicht so einfach.

Am Beispiel der Temponahme lässt sie sich jedoch deutlich beweisen. Beim Studium der Aufführungstraditionen von Wagners Werken fällt auf, dass etwa in den ersten 70 Jahren der Existenz dieser Werke eine bestimmte Richtung der Temponahme feststellbar war, die auf der Übertragung von einer Generation zur anderen basierte und (fast) keine extremen Abweichungen aufweist. Einzelne Verlangsamungen des Tempos bei Wagners Werken gab es aber auch schon zu seiner Zeit, und der Komponist wehrte sich heftig. So wurde ihm zugetragen, dass seine «Tannhäuser»-Ouvertüre an Stelle der von Wagner in Dresden benötigten zwölf Minuten sogar zwanzig ...

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Opernwelt Jahrbuch 2013
Rubrik: Wagner 200, Seite 66
von Hartmut Haenchen