Gülden, grau und silberblau

«Ich hatte nie eine Stimme – wie hätte ich sie verlieren können?», fragte Tenor Hugues Cuénod augenzwinkernd kurz vor seinem 100. Geburtstag. Doch Spaß beiseite: Vielleicht wäre das ein Patentrezept für eine lange Sängerkarriere – mit der Stimme zu singen, die man hat, und nicht mit der, die man gern hätte. Cuénod gab sein Debüt 1928, und er hatte seinen letzten öffentlichen Auftritt 2002, das macht 74 Jahre. Wer sorgfältig mit der Stimme umgeht, kann ihre Qualität lange bewahren. Davon zeugen zahlreiche Aufnahmen von Sängern kurz vor dem Ende ihrer Karrieren – eben «Schwanengesänge». Doch inzwischen sind die jungen Alten selten geworden. Eine Bestandsaufnahme

Was heut gehet müde unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches geht in Nacht verloren –
Hüte dich, sei wach und munter.

Diese Verse aus Eichendorffs «Zwielicht», von Robert Schumann im «Liederkreis» op. 39 vertont, könnten auch die Problematik der alternden Sängerstimme beschreiben. Dietrich Fischer-Dieskau hat den Zyklus nach Gedichten von Eichendorff 1985 aufgenommen, also im Jahr seines 60. Geburtstags, mit Alfred Brendel als Partner. Sein Schwanengesang? Ein Schwan stimmt vor seinem Tod mit trauerschöner Stimme ein letztes Lied an, so die Legende.

Sie geht zurück auf einen griechischen Mythos: Kyknos, Sohn des Poseidon (oder Ares oder Apoll), betrauerte in einem Hain am Flusse Eridanos den Tod seines Freundes Phaëton. Mitleidige Götter verwandelten ihn in einen Schwan. Mit einem Trauergesang von berückender Schönheit geht er aus der Welt und wird zum Sternenbild. Cicero verwendete in «De oratore» den Begriff als Metapher für die letzte Rede, das letzte Konzert, den Abgesang; im 16. Jahrhundert gelangte er in dieser Bedeutung auch in die deutsche Sprache.

Fischer-Dieskaus Schwanengesang war der «Liederkreis» noch nicht. Zwar besitzt die Stimme nicht länger die Spannkraft der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Schwanengesänge, Seite 64
von Jürgen Kesting

Weitere Beiträge
Wieder auf der Landkarte

Am Ende ereilte ihn doch der «Blues», wie Michael Alber gestand. Neunzehn Jahre war der Chordirigent an der Staatsoper Stuttgart, seit 2001 als Chef des mehrfach ausgezeichneten «Opernchors des Jahres» – allein in seiner Ägide wurden die Sängerinnen und Sänger bislang fünfmal als Beste gewählt, nun kommt der sechste Titel dazu. Am 18. März hat sich Alber...

Mit List und Lust durchs Märchenland

Am 30. September 1978 brachte die Komische Oper Ostberlin die Kinderoper «Das Land Bum-Bum» von Rainer Kirsch (Libretto) und Georg Katzer (Musik) zur Uraufführung. Es geht darin um den «Lustigen Musikanten» Karl, der auf der Jagd nach seinem entflogenen Hut in das Land Bum-Bum gelangt, wo die Bewohner mit den Ohren essen, aber keine lustigen Lieder singen und das...

Impressum

Impressum

Redaktion Opernwelt
Knesebeckstraße 59-61 | 10719 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
E-Mail: redaktion@opernwelt.de

Redaktion:
Stephan Mösch
Albrecht Thiemann
Wiebke Roloff (Assistenz)

Mitarbeit und Gestaltung:
Andrea Müller
Christian Henjes, Angelika Stein

Anzeigen – Print und www.kultiversum.de:

Annika Kusche
Tel.: +49(0)2154/429051
Fax:...