Gesundes Misstrauen

In Stockholm durchleuchten Lawrence Renes und Christof Loy Strauss’ «Rosenkavalier» mit feinnerviger Intelligenz. Das tut auch Marc Albrecht in Amsterdam, doch Jan Philipp Gloger verliert sich in Konventionen

Ein riskanter Selbstversuch: Kann man innerhalb von 24 Stunden zwei «Rosenkavalier»-Vorstellungen durchstehen? Zweimal kurz hintereinander die Wehmut des Marschallinnen-Monologs ertragen, das Flirren der Rosenüberreichung, die Turbulenzen der Beisel-Raufereien, das tränentreibende Schluss­terzett?

Man kann. Aber die Nebenwirkungen sind erheblich, und die Überdosis wirkt nachhaltig. Es dauert Tage, bis der Boden unter den Füßen wieder trägt.

Dabei arbeiten beide Neuproduktionen, so verschieden sie auch sind, gar nicht mit Opiaten des Klangrauschs oder Klebemitteln des Sentiments – sowohl die Regie als auch die musikalische Leitung gehen hüben wie drüben sparsam mit dem Zucker um. Weder schwelgen wir in Kostüm-Orgien, noch dürfen wir uns am behäbigen Wiener Schmäh delektieren, geschweige denn im Schaum des Breitwand-Sounds versinken. Beide Versionen erzählen die Geschichte mit Brechungen, mit gesundem Misstrauen gegenüber den Seligkeiten des Moments und dem Zauber einer perfekt erdachten Kunstwelt. Und beide Neuproduktionen siedeln in vager Jetztzeit, belassen es aber keineswegs bei durchbuchstabierter Aktualisierung. Strauss’ und Hofmannsthals Kunstgriff des erfundenen ...

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Opernwelt November 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Regine Müller