Gespenstersonate

Berlin, Tschaikowsky: Eugen Onegin

Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem Missverstehen in ein diffiziles Seelendrama umgewandelt wurde. Diese Ahnung trügt nicht.

Denn Achim Freyer – Regisseur, Bühnenbildner und Licht-Designer in einer Person – ist ein Mann von eisernem Stilwillen, der einen einmal eingeschlagenen Weg unbeirrt zu Ende geht, auch wenn sich schon nach wenigen Metern herausstellt, dass er in eine Sackgasse führt.
An den Einzelschicksalen von Tatjana und Onegin, von Olga und Lenski ist Freyer nicht interessiert, auch nicht an den gesellschaftlichen Prämissen dieser Schicksale, also am beengten, langweiligen Leben auf dem Lande und an der prunkend-äußerlichen Fassade der Petersburger High Society. Er versucht die Geschichte so weit wie möglich zu abstrahieren und bringt sie auf den einfachsten Nenner: «Die Welt, ein ewiger Fluss des Gleichen, der auf uns zurollt und wieder vergeht». Szenisch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2008
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Ekkehard Pluta

Vergriffen
Weitere Beiträge
Von Strauss zu Bartók über Mozart

Im August 1989, wenige Wochen nach Karajans Tod, fand das erste von der Universität Salzburg in Zusammenarbeit mit den Festspielen organisierte Symposion statt; das Thema waren die «Antiken Mythen im Musiktheater des 20. Jahrhunderts», Anlass war die «Elektra»-Produktion jenes Jahres. Das Konzept – eine Inszenierung oder ein Programmschwerpunkt der Festspiele als...

Solo für einen Dirigenten

Anna Netrebkos Karriere weckt die Erinnerung an ein anderes Glamour Girl, das Ende der 1950er-Jahre kometengleich aufstieg, um ein Jahrzehnt später als Sternschnuppe zu verglühen: «La Moffo». Wie Netrebko hat auch Anna Moffo weniger durch ihre Stimme als durch ihre physische Attraktivität die Blicke der Männer- und Medienwelt auf sich gelenkt. Dass Moffos Ruhm...

Ende einer Ära: Wolfgang Wagner tritt ab

Am 28. August ging auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth eine Ära zu Ende: An diesem Tag wurde Wolfgang Wagner offiziell als Leiter der Festspiele verabschiedet. Achtundfünfzig Spielzeiten hatte der inzwischen 89-Jährige maßgeblich geprägt. Seit dem Tod seines Bruders Wieland 1966 beherrschte er zweiundvierzig Jahre allein das Geschehen im Festspielhaus. Insgesamt 1706...