Geschlossene Gesellschaft

Nicht erst seit dem bösen Bonmot von Karl Kraus vom «blühenden Operettenblödsinn» sieht sich die alte Dame in Bedrängnis. Als Kunstform wirkt sie inzwischen antiquiert, musikalisch wird sie nicht selten belächelt. Zu Unrecht. Ein Plädoyer in schwierigen Zeiten

Ich war zehn. Ich dürfe, sagte mein Vater, meine Mutter abends in die Operette begleiten: Abonnement-Gastspiel des Städtebundtheaters aus Hof mit dem «Vogelhändler» von Carl Zeller. Ich kannte die Musik, weil im elterlichen Hause viel Operette gehört wurde und, ja, ich mochte sie. Kurzum, ich freute mich auf meinen ersten abendlichen Theaterbesuch. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Beziehung werden – zu einer sich mitunter recht mondän, mitunter recht albern, manchmal auch ein bisschen peinlich gebärdenden Dame.

Über die man damals, Ende der 1960er-Jahre, einmal mehr befand, sie sei schon längst tot. Gäbe es eine Steigerungsform von tot, so müsste man heute, ein halbes Jahrhundert danach, konstatieren: Sie ist noch toter als tot. Klingt nach dem Refrain eines – noch zu schreibenden – Operettenchansons. Und so gar nicht nach einer Renaissance der Gattung, auch wenn von dieser, mitunter, die Rede ist. Wie auch derzeit wieder. Versuch einer Abwägung

Niedergangsszenarien

Zunächst: Dass jemand mit Operettenmusik aufwächst und sich auch noch an ihr delektieren kann, war auch vor 50 Jahren bereits die Ausnahme. Auf der intellektuellen Seite hatten kulturwissenschaftliche Vordenker ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 24
von Alexander Dick

Weitere Beiträge
Ein Albtraum

«Das britische Volk hat gesprochen», proklamiert Atholl Swainston-Harrison in sphinxhaftem Ton. «Mit dem Ergebnis muss jetzt umgegangen werden.» China, Russland oder die USA: Als Chief Executive der International Artist Managers' Association (IAMA) hat er den Überblick über Arbeits- und Reisebedingungen auf der ganzen Welt. Wenn jemand die Folgen des Brexits für...

Der Protagonist

Nicht Kaiser und nicht König will ich sein, aber so dastehen und dirigieren.» Das soll der neunjährige Richard Wagner gerufen haben, als er Carl Maria von Weber am Pult der Dresdner Oper erlebte. Hätte Wagner in den modern times wählen müssen, so hätte er keinen besseren Darsteller für die Rolle finden können als Riccardo Muti. Das  Bild oder besser: jene Imago des...

Weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt

Am 9. Mai 2021 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Doch Sophie Scholl erlebte nicht einmal ihren 22. Geburtstag. Wie ihr Bruder Hans, weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» und unzählige andere couragierte Gegner des nationalsozialistischen Terrorregimes geriet die kluge, aufgeklärte junge Frau in die Fänge der Gestapo; am 22. Februar 1943 wurden Sophie...