Genuss ohne Reue

Paris, Lully: Armide

Schon wieder wird Versailles zweckentfremdet. Dabei ist zurzeit bereits – zum Missfallen mancher Traditionalisten – die monströse Kitschkunst von Jeff Koons in den Salons des ebenfalls wirkungsbewussten Ludwig XIV. zu sehen. Und jetzt hüpfen auch noch Touristenhorden tanzend durch die Spiegelgalerie, während das ewige Lob des Sonnenkönigs von Fremdenführerinnen besungen wird.


Was hier hinter einer echten Kordel als Film auf der Bühnenleinwand im Pariser Théâtre des Champs-Élysées anhebt, ist nur eine so aktuelle wie geistvolle Parodie Robert Carsens auf den gestelzten Prolog von «Armide». Mit dem versuchte sich Jean-Baptiste Lully, in Ungnade gefallener Lieblingskomponist des Monarchen, bei diesem besonders einzuschmeicheln. Es nützte ihm nichts. «Armide» sollte 1686 seine vorletzte Oper sein – sie wurde nicht einmal mehr in Versailles uraufgeführt.
Man muss dies alles nicht wissen, sich auch nicht um die komplizierte Leidensgeschichte der liebeskranken Zauberin Armide scheren, die mit all ihren Tricks den Ritter Roland nicht an sich bannen kann und die Tassos «Befreitem Jerusalem» entnommen ist. Einundzwanzig Jahre nachdem William Christie mit «Atys» die Lully-Belebung eingeläutet ...

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Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Manuel Brug

Vergriffen
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