Kugelsicher: Dshamilja Kaiser (Penthesilea); Foto: Thilo Beu

Gegen den Wind

Schoeck: Penthesilea Bonn | Oper

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Bemitleidenswerte Masse. Wo sie in Erscheinung tritt, wird sie, den Bereich der Physik ausgenommen, kritisch unter die Lupe genommen, von Arendt bis Canetti, von Le Bon bis Reich. In seinem Text «Im Schatten der schweigenden Mehrheiten» aus dem Jahr 1978 hat Jean Baudrillard das Phänomen auf den Punkt gebracht. Die Masse sei «Nullpunkt des Politischen», sie sei «stärkeres Medium als alle Medien». Dass der französische Soziologe im Programmheft zur Bonner «Penthesilea» zitiert wird, verwundert wenig. Der Stoff bietet sich dafür an. Und auch der Regisseur.

Für Peter Konwitschny war die Ausgrenzung, die Destabilisierung des (zumal weiblichen) Individuums immer ein zentrales Thema. Othmar Schoecks Einakter passt deswegen zu ihm. Konwitschny verzichtet dabei gänzlich auf Illusion. Der Kampf zwischen Penthesilea und dem Volk, die intensiv-existenzielle, körperliche Verstrickung der Amazonenkönigin mit dem griechischen Kriegshelden Achilles findet bei ihm in einer Art Boxarena statt, als Fernsehshow, hautnah. Die Zuschauer (der hochengagierte Chor und Extrachor der Oper Bonn), festlich gekleidet, als wären sie Teil einer glänzenden Abendunterhaltung, an der sie aber real teilnehmen als ...

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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jürgen Otten

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