Fratzen der Frömmigkeit
In seinem berühmt-berüchtigten «Spiegel»-Interview 1967 (in dem er übrigens keineswegs gefordert hatte, die Opernhäuser «in die Luft zu sprengen») spottete Pierre Boulez, statt «Macht des Schicksals» zu dirigieren, würde er lieber spazierengehen, und «Rigoletto» in Zeffirelli-Manier sei schlicht «idiotisch».
Aus der polaren Sicht der rigiden Nachkriegsavantgarde wie des elitären Bildungsbürgertums war dies nicht einmal ein besonderes Sakrileg: Oper, zumal italienische, galt als Kunstgenuss für die etwas weniger Reichen im Geiste, «Rigoletto» gar als dubiose Mixtur aus Leierkasten und abstruser Schauerstory. Die Zeiten haben sich geändert: Die Klischee-Aufspaltung von «schöner» Musik und scheußlicher Vorlage, auch Inszenierung, verfängt immer weniger, die Einsicht in die dramaturgische Einheit von Klang, Gesang, Text und Bühne nimmt zu: Ohne da Pontes oder Schikaneders Libretti wären Mozarts Opern nicht geworden, was sie sind. Das gilt auch für «Rigoletto». Zu Recht war Verdi von Hugos Drama «Le Roi s’amuse» okkupiert, von Piave griffig umformuliert, gewann aus ihm kompositorische Schubkraft. Doch nicht nur das: Ist doch der Gruselplot keineswegs so realitätsfern wie allzugern ...
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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Gerhard R. Koch
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Ich weiß nicht, wie viele «Opernwelt»-Leser auf Twitter aktiv sind, aber uns Sänger drängen die Agenten, karrierefördernd in den sozialen Netzwerken aktiv zu werden: Pseudo-Nahbarkeit im Sinne der Eigenwerbung. Ich selbst zwitschere auch. Meine Wortmeldungen sind entweder bewusster Unsinn oder Schüsse ins Lager der Trump-/Brexit-Fans, so oder so bleiben sie...
Nicht nur in der Oper, sondern auch im Konzertsaal fällt es selbst im Südwesten Deutschlands schwer, die durch den alt gewordenen Vater Rhein markierte, heute freilich mehr imaginäre als reale Grenze zu überbrücken. So ist man immer wieder verblüfft, wie vergleichsweise wenige Musiker – aber auch Stimmen – des so nahen, letztlich aber bis ins ferne Kanada...
