Familienbande
Unterwegs in Londons «Tube» – nach der Premiere von Mozarts «Idomeneo» an Covent Garden – bleibt unser Blick zufällig an einem kuriosen Plakat hängen, einer Werbung der «London Sperm Bank». Wie Pappkameraden sind die Silhouetten von Männern aufgereiht, jeder mit einem Label: teacher, actor, model, lawyer etc. Samenspender zum Ankreuzen; Nachwuchs-Design ohne Feindberührung.
Wir erlauben uns ein Gedankenspiel: Was, wenn die Mutter des Idamante eine solche Wahl treffen und eine Schießbudenfigur mit dem Titel «König» hätte ankreuzen können, Idomeneo als Spender aber anonym geblieben wäre? Nie hätte der Herrscher auf Kreta gewusst, dass der Junge sein Sohn ist. Das von ihm mit Neptun für die Rettung aus Seenot verabredete Opfer wäre ohne Skrupel vollzogen worden, auch die Kreter hätten nicht gemurrt, die alte, vermeintlich gottgewollte Ordnung wäre intakt geblieben. Und wir wären um eine der schönsten – und wohl auch schwierigsten – Opern gebracht worden. Hätten natürlich auch die neue Realisierung an der Royal Opera durch Marc Minkowski und Martin Kusej nicht miterlebt. Und wären nicht mit gemischten Gefühlen rausgegangen.
Kusej, Chef des Münchner Residenztheaters, gab mit dem ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Gerhard Persché
Eigentlich sollte Karl Amadeus Hartmanns «Simplicius Simplicissimus» nie von den Spielplänen verschwinden. Die auf Grimmelshausen beruhende Parabel von dem einfältigen jungen Menschen, der Kriegsleid erfährt, hellsichtig gesellschaftliches Unrecht enttarnt und einen Aufstand der Unterdrückten initiiert, spielt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, zielte aber...
Meyerbeer e il suo tempo» war ein Programm der Accademia Nazionale di Santa Cecilia überschrieben, das in Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane entstand. Diana Damrau und Antonio Pappano huldigten im Oktober in Rom dem großen europäischen Komponisten. Zweifellos ein zentraler Beitrag zu dessen 150. Todestag.
Meyerbeer habe sie schon während ihres Studiums...
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus...
