Expressiv zugespitzt
Mit seinem «Pierrot Lunaire» hat Schönberg der Musik des 20. Jahrhunderts ganz neue Ausdrucksbereiche eröffnet, zugleich aber mit der Erfindung einer «Sprechstimme» die Interpreten vor das Problem gestellt, weder zu rezitieren noch zu singen, sondern die Noten «unter guter Berücksichtigung der vorgezeichneten Tonhöhen in eine Sprechmelodie umzuwandeln». Schauspielerinnen wie Barbara Sukowa oder Salome Kammer neigten mehr zur Rezitation, Sängerinnen wie Anja Silja oder Christine Schäfer mehr zum deklamatorischen Gesang.
Wenn sich jetzt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die auch im eigenen Metier vor keiner exzentrischen Grenzüberschreitung zurückschreckt, als Stimmkünstlerin an diese Aufgabe wagt, ist man irritiert und fragt sich, wie das gehen soll.
Sie tut dies als Musikerin und wischt damit erst einmal alle Zweifel beiseite. Sie hält sich aufs Genaueste an Schönbergs minutiöse Notation, trifft stets den Ton, treibt ihn dann aber mit virtuoser, melodramatisch affektierter, zugleich höchst theatralischer Rhetorik ins stilisierte Glissando zwischen Singen und Sprechen, dem sie eine Vielfalt an unkonventionellen Stimmfarben, Gesten und Nuancen abgewinnt. Dabei führt ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Uwe Schweikert
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