Expressiv zugespitzt

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja deklamiert als phänomenale Diseuse Schönbergs «Pierrot Lunaire»

Mit seinem «Pierrot Lunaire» hat Schönberg der Musik des 20. Jahrhunderts ganz neue Ausdrucksbereiche eröffnet, zugleich aber mit der Erfindung einer «Sprechstimme» die Interpreten vor das Problem gestellt, weder zu rezitieren noch zu singen, sondern die Noten «unter guter Berücksichtigung der vorgezeichneten Tonhöhen in eine Sprechmelodie umzuwandeln». Schauspielerinnen wie Barbara Sukowa oder Salome Kammer neigten mehr zur Rezitation, Sängerinnen wie Anja Silja oder Christine Schäfer mehr zum deklamatorischen Gesang.

Wenn sich jetzt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die auch im eigenen Metier vor keiner exzentrischen Grenzüberschreitung zurückschreckt, als Stimmkünstlerin an diese Aufgabe wagt, ist man irritiert und fragt sich, wie das gehen soll.

Sie tut dies als Musikerin und wischt damit erst einmal alle Zweifel beiseite. Sie hält sich aufs Genaueste an Schönbergs minutiöse Notation, trifft stets den Ton, treibt ihn dann aber mit virtuoser, melodramatisch affektierter, zugleich höchst theatralischer Rhetorik ins stilisierte Glissando zwischen Singen und Sprechen, dem sie eine Vielfalt an unkonventionellen Stimmfarben, Gesten und Nuancen abgewinnt. Dabei führt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Impressum Juli 2021

62. Jahrgang, Nr 7
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag – Friedrich Berlin

ISSN     0030-3690
Best.-Nr.     752346

REDAKTION OPERNWELT
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55

Fax: +49(0)30/25 44 95 12
redaktion@opernwelt.de
www.opernwelt.de

REDAKTION
Jürgen Otten (V. i. S. d. P.)

REDAKTIONSBÜRO
Andrea Kaiser | redaktion@opernwelt.de

...

Auf der Kippe

Das Bonmot, dass Tradition nicht die Verehrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sei, stammt keineswegs, wie oft behauptet, von Gustav Mahler, sondern aus der Wortschatzkammer des französischen Sozialdemokraten Jean Jaurès. Doch natürlich passt die Metapher auch gut nach Wien, wo noch vor nicht allzu ferner Zeit Besucher eine hochrangig besetzte...

Zweifelhaftes Heldenleben

Giusto Fer(di)nando Tenducci (ca. 1735–1790) war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Kastraten ihre Libido und veränderte Körperfettverteilung durch Testosteronsubstitution wieder normalisieren konnten, so dass die zu einem vokalen Wipfel-Dasein Erkorenen sich auch ein bewegtes erotisches Leben nicht versagen mussten. Zumal das Messerchen ja «bloß» die Hoden...