Eros und Gewalt

Uwe Schweikert über Othmar Schoecks «Penthesilea» in Basel, kongenial inszeniert

m Schluss der neunzigminütigen Aufführung stolperte Hans Neuenfels wie ein großes Kind auf die Bühne des Basler Theaters: als wollte und könnte er die Begeisterung des Publikums nicht recht begreifen. Das Ritual, das sonst aller­orten die Premieren beherrscht – Beifall für die Solis­ten und den Dirigenten, Buhs für das Regieteam – war an diesem Abend außer Kraft gesetzt. So konzentriert auf den inneren Ton der Musik hörend, so bedingungslos der atemlos abrollenden Dramaturgie eines Stücks dienend hat man Neuenfels lange nicht mehr erlebt.

Da war alles weggewischt, was viele seiner Arbeiten fürs Musik­theater in den letzten Jahren oft beschädigte und Kritiker wie Publikum ratlos machte: die überstürzte Bilderflut, die verrätselte Privatmythologie, die spiegelnde Verdoppelung der Figuren, nicht zuletzt die zusätzliche Schauspielertruppe, die neben und am Stück vorbei eine andere Geschichte erzählt. Der antike Amazonen-Stoff, seine romantische Radikalisierung durch Heinrich von Kleist und deren musikalische Brechung durch Othmar Schoeck scheint für Neuenfels eine solche Herausforderung gewesen zu sein, dass er sich bedingungslos auf das Werk einließ.
Schoecks 1927 uraufgeführte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Alles Wahnsinn

Zur Ouvertüre färbt sich das Bühnenlicht ätherisch blau. Im leichten Dunst entschwebt eine Figur gen Himmel: Lucia. Dann die Überblendung: ein großer, kahler Raum, mit hohem Fenster, in Weiß-Grau gehalten, vor das sich immer wieder schwarze Wände schieben. In der Mitte ein riesiges Bett, in dem Lucia träumt. Von ­ihrer Kindheit und Jugend, als sie noch mit Puppen...

Editorial

Oper im Fernsehen – das ist eine Herausforderung der besonderen Art. Aber auch ein Erlebnis der besonderen Art. Der Zuschauer im Parkett oder auf dem Rang sieht anders als Kameras, die zum Beispiel ein ­herangezoomtes Gesicht als schillernde Gefühlslandschaft zeigen können. Das Ohr im Saal hört anders als Mikrofone, mit denen sich das Wechselspiel von Stimmen und...

Klare Zeichen

Vor einhundert Jahren stemmte in Trier ein siebenundzwanzigjähriger Kapellmeister fast im Alleingang Wagners «Ring». Der junge Wilde hieß Heinz Tietjen und entfachte als Regisseur und Dirigent in Personalunion an der Mosel ein regelrechtes «Wagner-Fieber», wie die Lokalpresse damals vermerkte. Es war der Startschuss für eine Karriere, die ihn zum preußischen...