Eklektizismus nach dem Lustprinzip
Pierre Boulez bezeichnete einmal die Vertonung von Gedichten als «Lektüre mit Musik». Das war durchaus polemisch gemeint, und dahinter steckte eine Frage: Wen interessiert es überhaupt, wenn ein Komponist seine Klänge über einen Text gießt, der ohnedies vollendet ist und seine eigene Wort-Musik macht? Zwischen Kopie, Verfälschung und Innovation sind da viele «Lektüre-Ergebnisse» möglich; das Gleiche gilt für die Vertonung von Schauspielen. Sie gelingen meist dann, wenn sich die Musik selbst behauptet, wie bei Strauss’ «Salome» oder Bergs «Wozzeck».
Auch die Musik des als britisches Junggenie hoch gehandelten Thomas Adès kann sich behaupten, was angesichts des «Sturm» einiges heißt. Sie behauptet sich nicht gegen Shakespeare, sondern quasi neben ihm: Da, wo Adès sich wenig um eine Ikone schert, sondern frech seine Klangassoziationen ausspielt, bleibt das Stück im Gedächtnis. Dazu gehört das aberwitzig schwere Lamento des Ariel, das Adès der aberwitzig virtuosen Koloratursopranistin Cyndia Sieden in die Kehle geschrieben hat: ein quasi akkordischer Satz, choralartig in sich ruhend auf gläsernen Klängen, durchzuckt von riesigen Intervallsprüngen. Überhaupt sind Lamenti eine Stärke des ...
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Als ich ihm nach der Premiere von «Die Liebe der Danae» an der Bayerischen Staatsoper 1988 gratulieren wollte, grinste er nur und winkte ab. Der Pollux, das sei eine Witzfigur und keine richtige Partie. Ganz realistisch war James King in seiner Selbsteinschätzung, und er konnte sich darüber amüsieren, dass diese Strauss’sche «Heitere Mythologie» eigentlich eine...
Type Casting in der Oper ist ein heikles Thema und dürfte eigentlich keine Rolle spielen, doch dieses Stück bildet eine Ausnahme: Wenigstens ansatzweise glaubwürdig sollte ein Roméo sein. Ramon Vargas ist das nicht. Naiv lächelnd und mit dem unwiderstehlichen Charme eines Baby-Elefanten tappst der über die Bretter. Von Schwärmerei, Liebesrausch, Verzweiflung keine...
Schön war er beileibe nicht, wenn man der von der Fondazione Giorgio Cini in Venedig aufbewahrten Zeichnung von Marco Ricci glaubt: Ein großer Körper mit zu kleinem Kopf, fettleibig und froschgesichtig, posiert er mit Helm und Federbusch. Der Alt-Kastrat Francesco Bernardi (ca.1680-1759), der sich nach seiner Geburtsstadt Siena «Senesino» nannte, war neben seinem...
