Ein Meyerbeer für unsere Zeit
Der Vorgang ist von bezwingender Wirkung. Er ereignet sich im vierten Akt, der am Vorabend der «Bartholomäusnacht» spielt. Zehntausende Protestanten (= Hugenotten) fielen 1572 einem vom katholischen Königshaus gesteuerten Mordkomplott zum Opfer. Wenn der versammelte Pariser Mob – von fanatischen Mönchen auf die Bluttat als «heilige Sache» eingeschworen – in der Brüssler Aufführung seine Entschlossenheit zum Glaubenskrieg bekräftigt, drehen die Mörder Kreuze, die sie in ihren Händen halten, und ergreifen sie vom anderen Ende her. Eine synchrone Bewegung.
Plötzlich haben sich die Kreuze in emporgereckte Schwerter verwandelt: ein veritabler «coup de théâtre» (zumal er mit der musikalischen Klimax der Massenszene zusammenfällt) und doch weit mehr als das. Dass das Symbol des christlichen Glaubens mit dem des Krieges vertauscht wird – und zwar in einer Weise, die beide als Kehrseiten derselben Medaille kenntlich macht – verdichtet «Les Huguenots» in einem szenischen Bild von schockierender Ausdruckskraft. Gefühl und Verstand sind gleichermaßen bewegt. Es ist einer der zahlreichen Augenblicke dieser Inszenierung, die exemplarisch deutlich machen, was Musiktheater-Regie heute leisten kann ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Sieghart Döhring
Seit Pythagoras die Bewegung von Sonne, Mond und Sternen als Musik begriff und die Idee entwickelte, dass Himmelskörper den Gesetzen einer «Sphärenharmonie» gehorchen, haben Komponisten immer wieder nach dem (für den Menschen leider nicht hörbaren) Klang des Universums gesucht. Besonders die Musiktheorie des 16. und 17. Jahrhunderts hielt die pythagoreische...
Die Geschichte vom «Mann am Klavier» hat im 20. Jahrhundert mehrere Wandlungen durchlaufen, letztlich ist es eine Emanzipationsgeschichte. Längst sind die Liedbegleiter aus dem Schatten getreten (gelegentlich aus einem entwürdigenden Dunkel), längst wird die künstlerische Eigenständigkeit ihres Beitrags wahrgenommen, was sich auf der Bühne eher spiegelt als in der...
Der erwartete und von manchem erhoffte Skandal blieb aus. Der katalanische Regie-Berserker Calixto Bieito ist wohl zu sehr Katholik, um sich an einem Werk wie den «Gesprächen der Karmelitinnen» zu versündigen. Mit einer gewissen Demut nähert er sich dem Stück, das er sich für seine vierte Inszenierung an der Komischen Oper selbst ausgesucht hat. Er legt es zunächst...
