Ein laues Düftchen

Bei der Inaugurazione der Mailänder Scala mutiert Verdis «Don Carlo» zu einem veritablen Divenduell zwischen Anna Netrebko und Elīna Garanča

Opernwelt

Schräg hinterhalb des Musentempels, in der Via Brera, gibt es das i-Tüpfelchen für den Abend zu kaufen. Wer will, kann sich zur Serata Inaugurale mit dem ultimativen Divenduft einstäuben, «The Merchant of Venice», ein versteckter Laden, bietet «Maria Callas – Eau de Parfum» an. Ansonsten feiert Mailand den 100. Geburtstag der Unerreichbaren mit zwei Ausstellungen im Museo Teatrale alla Scala und in den Gallerie d’Italia – während im heiligen Haus selbst eine Diva von heute in ihrem Stil (und womöglich ungewollt) auf den Pfaden der Assoluta wandelt.

Mit drei Stimmen, so warfen manche der Callas vor, interpretiere sie ihre Rollen, bei Anna Netrebko sind es geschätzte zweieinhalb. Im «Don Carlo» ist sie Mittelpunktsfigur, so sehr, dass Stamm- bis Pflichtgäste der Saisoneröffnung wie Staatspräsident Sergio Mattarella, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni oder EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen möglicherweise ihre Teilnahme absagten. Keine Zeit, so heißt es offiziell. Der wahre Grund ist ein anderer: Wer Netrebko, die noch immer Umstrittene, live erlebt, der kontaminiert sich womöglich ...

Die Wahl-Wienerin ist an diesem Premierenabend, fast genau am Callas-Jahrestag, jedenfalls zu allem entschlossen. Sie risikiert viel. Offene, brustige Töne, verbunden mit einem breiten, jedoch nie ausufernden Vibrato. Eine druckvolle Verve gerade in den Intervallabstürzen der großen Arie. Etwas Ungeschütztes, zugleich heftig Bewegtes hat dieser Gesang. Und wenn sie dann den Himmel besingt, im wie entkoppelten, feinen Flötenregister Zaubertöne zum zweigestrichenen Gis bei «Cielo» hinaufschickt, ist da plötzlich die lyrische Netrebko der früheren Jahre zu hören. Was bedeutet: Die Stimme ist divergent geworden, strebt auseinander. Doch bleibt alles, das ist die Kunst dieser Sopranistin, (noch) kontrolliert.

Wobei ihr vokales Rollenporträt durchaus anfechtbar ist. Diese Elisabetta klingt mehr nach Lady Macbeth, jedenfalls nicht nach einer Frau am Ende ihre Kräfte und ihrer Weisheit, nach einem Spielball in Männerwelten. Und bewegt sich damit auf einem ähnlichen Erregungsniveau wie Widersacherin Eboli. Elīna Garanča, die zurzeit vollkommenste Interpretin der Partie, führt im Unterschied zur Konkurrentin vor: Dramatik muss nicht gleich Drastik bedeuten. Wie schon bei ihrer Bayreuther Kundry im vergangenen Sommer wird die Partie tatsächlich gesungen. Keine stimmlichen Grenzübertritte, kein Grimassieren, keine Flucht nach vorn in die Deklamation.

Zwei Frauenfiguren prallen also vor allem dank ihrer Interpretinnen aufeinander. Der Zwist ist nur zu hören, kaum zu sehen. In der neunten «Don Carlo»-Produktion an der Scala seit 1868 scheint es, also ob eben jene erste reanimiert wurde. Das szenische Arrangement von Regisseur Lluís Pasqual, Daniel Bianco (Bühne) und Franca Squarciapino (Kostüme) ist ein sepiafarbener Totalausfall. Ein hoher Zylinder ist Projektionsfläche und darf sich öffnen, drehen und schließen. Der (famose) Chor erstarrt zum Oratorium, das Solo-Personal in Uralt-Posen. Das Autodafé wird beherrscht von einer Nachbildung des prunkvollen Hochaltars aus dem Escorial, in den Fenstern Elisabetta, König Filippo II. und der Großinquisitor als heilige Dreifaltigkeit. Drei Ketzer, die Muskeln malerisch mit Blutfarbe verziert, werden in die Unterbühne geschubst. Am Ende fährt der Titelheld à la Don Giovanni mit der Kaiser-Statue in den Keller, während ein Mönch in Weiß per Lift nach oben bugsiert wird: Die letzten Worte von Karl V. müssen schließlich noch gesungen werden. Vieles ist also unfreiwillig komisch, das meiste unendlich belanglos. So sehr, dass selbst die Gala-Gemeinde das Regie-Team mit Buhs bestraft.

Saisoneröffnung an der Scala, das bedeutet auch: Ausnahmezustand. Das Haus wird dabei zur Bastion. Überall Polizei, ein Absperrungsring im Radius von rund 100 Metern. Wer unter der kalten Wintersonne durchs feiertägliche Centro Storico flanieren will, muss weite Umwege in Kauf nehmen. Am Portal der Scala ist dann nur von Weitem das Getrommel der Gewerkschaftler zu hören, die mit den Fahnen der Confederazione Unitaria di Base, aufmarschiert sind. Dort hinten gibt es auch eine Pro-Palästinenser-Demo, die vom Genozid schwurbelt, zwei, drei weitere halten Anti-Netrebko-Plakate hoch. Auf einem scheint die Diva in roter Robe durch eine zerbombte Stadt zu wandeln. Drinnen, wo die Herren als Fliegenschwarm unterwegs sind und die Botox-Dichte hoch ist, kein Laut gegen die Netrebko. In der Arena di Verona hat sie bekanntlich schon ein paar Mal gesungen, 2024 ist sie, so heißt es, in Verdis «La forza del destino» wieder zum Mailänder Saisonstart dabei. Das übrige Ensemble im «Don Carlo» schlägt sich wacker. Francesco Meli lässt als Titelheld nichts anbrennen. Alle Töne sind da, mit zunehmender Stückdauer wird er differenzierter, und dennoch lässt die Deutung etwas kalt. Luca Salsi gefällt sich baritonprächtig und mit viel Pathos als Posa der alten Schule. Michele Pertusi kam als Filippo II. erst vier Wochen vor der Premiere für René Pape ins Spiel. Die Stimme ist deutlich ergraut, vor dem Monolog entschuldigt ihn Scala-Chef Dominique Meyer als indisponiert.

Chefdirigent Riccardo Chailly hat sich, ganz ortsangemessen, für die Mailänder Fassung von 1884 entschieden. Also nur vier Akte, keine Fontainebleau-Vorgeschichte, auch keine Totenklage im Posa-Bild, die Verdi im Lacrimosa seines Requiems recycelte. Das ist mittlerweile unüblich. Doch gegenüber der langen französischen Urfassung mit allen wiederentdeckten Passagen und apokryphen Takten, wie sie etwa in Wien gespielt wird, haben die dramatische Kürze und der dickere Farbauftrag der Spätfassung auch etliche Vorteile. Chailly dirigiert mit großer Ausdrucksvarianz. Zügig im Grundpuls, sehnig und kraftvoll, ohne knallig zu werden. Lyrismen werden geschmackvoll ausformuliert, auch das Bedrohliche dieser Musik ist überdeutlich zu hören. Und manchmal, wie im Duett Posa-Filippo, gähnen auch schwarze Löcher. Ein Verdi der Oberklasse, der aber kaum neue Einsichten eröffnet.

Ein paar Buhs gibt es dafür im nur 13-minütigen Gesamtapplaus. Da war der Auftakt schon nervenaufreibender. Nach der Staatshymne, vom Gros des Publikums leise mitgesungen, schallte es «Viva l’Italia antifascista!» und «No al fascismo!» von den Rängen. Adressaten waren der stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini von der Lega und Senatspräsident Ignazio La Russa von den Fratelli d’Italia. Umso wärmer der Applaus für die weißhaarige Dame daneben. Liliana Segre, 93-jährige KZ-Überlebende und Senatorin auf Lebenszeit, nahm lächelnd neben den Rechtsextremisten in der Mittelloge Platz. Der beste Regie-Einfall des Abends.

Verdi: Don Carlo MAILAND | TEATRO ALLA SCALA 
Premiere: 7. Dezember 2023
Musikalische Leitung: Riccardo Chailly
Inszenierung: Lluís Pasqual
Bühne: Daniel Bianco
Kostüme: Franca Squarciapino
Licht: Pascal Mérat
Video: Franc Aleu
Chor: Alberto Malazzi
Solisten: Michele Pertusi (Filippo II.), Francesco Meli (Don Carlo), Luca Salsi (Marchese di Posa), Jongmin Park (Grande Inquisitore, Un Frate), Anna Netrebko (Elisabetta), Elīna Garanča (Eboli), Elisa Verzier (Tebaldo) u. a.
www.teatroallascala.org


Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Im Fokus, Seite 16
von Markus Thiel

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