Editorial

In Krisenzeiten boomt die Sehnsucht nach Zerstreuung. Wenn die Börsenkurse in den Keller rauschen und ganze Staaten wanken, sollen nicht auch noch die schönen Künste den Lauf der Welt vorführen. Als in Frankreich das Zweite Kaiserreich verrottete, strahlte am Theaterhimmel Offenbachs Operetten-Feuerwerk. Während die k.u.k.-Donaumonarchie gerade ihre Zukunft verspielte, drehte sich Wien im Walzertakt der Strauß-Dynastie. Lehár, Kálmán, Benatzky & Co. feierten ihre größten Erfolge, als sich bereits die Kriegskatastrophen des 20. Jahrhunderts zusammenbrauten.

Je schwerer das reale Leben drückt, desto leicht(gewichtig)er ist das, was gut auf der Bühne läuft.
Solche Koinzidenzen kann man auch nach dem jüngsten Finanz-Crash beobachten. Da macht zum Beispiel TV-Entertainer Harald Schmidt (mit Kompagnon Christian Brey) an der Rheinoper in Düsseldorf aus der «Lustigen Witwe» eine flotte Revue: sinnfrei und unterhaltsam. In der «Süddeutschen Zeitung» verkündete er, was er unter bürgernahem (Musik-)Theater versteht: «Die Leute sind doch total bereit, sich emotional wegreißen zu lassen. Dieses ganze intellektuelle Getue ... strengt sie ja wahnsinnig an.» Westend und Broadway statt Regietheater ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2010
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch,Albrecht Thiemann

Vergriffen