Editorial
In seiner Schrift «Werk und Wiedergabe» von 1929 schimpfte Hans Pfitzner gegen gewissenlose «Spielleiter», die den Geist der «Meisterwerke» verfälschen würden. Es gebe eine klare Hierarchie zwischen schaffenden und nachschaffenden Künstlern; ein «schöpferischer Interpret» sei ein Widerspruch in sich selbst. Das Schlagwort hieß damals «Klassikertod».
Einige Jahre vorher hatte Max Reinhardt etwas ganz anderes gefordert: Man müsse die alten Stücke «mit derselben Frische und Unbekümmertheit anpacken, wie wenn es neue Stücke wären, man muss sie aus dem Geiste unserer Zeit begreifen, mit den Mitteln des Theaters von heute». Die Debatte ist so alt, wie es Regie im modernen Sinn gibt. Und manchmal, wie jetzt, wo der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Salzburger Festspiele mit einer Polemik gegen das sogenannte Regietheater eröffnete, scheint es, als sei sie über die alten Gräben kaum hinausgekommen.
Max Reinhardt traf den Kern. Weil es (damals wie heute) um den «Geist unserer Zeit» geht, kochen die Emotionen. Diskutiert wird weniger Ästhetisches als Grundsätzliches: Vertrauen, Willkür, Treue, Egomanie, Liebe. Was Respekt und
Respektlosigkeit gegenüber den «Meisterwerken» betrifft, ist die ...
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Opernwelt September/Oktober 2009
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch,Albrecht Thiemann
Man fährt nicht der schönen Stimmen wegen nach Martina Franca. Die Gemeinde neugieriger Melomanen, die sich seit 1975 regelmäßig in der apulischen Barockstadt trifft, treibt Entdeckerlust. Viele lange nicht gespielte Stücke aus Barock, Romantik und Verismo oder bekannte Titel in ungewöhnlichen Fassungen lernt man nur hier kennen. Die Regie arrangiert meist...
Als Catherine Malfitano noch selbst auf der Bühne stand, spielte Donizettis «Lucia di Lammermoor» in ihrem Repertoire so gut wie keine Rolle. «Ich habe die Lucia lediglich in zwei Produktionen gesungen, ganz am Anfang meiner Karriere», erzählt die Sopranistin. Nun hat sie das Schauerstück an der Central City Opera in Colorado in Szene gesetzt. «Die Sicht vom...
Herbstlaub, Asche, Staub. Acht betongraue Himmelstürme ragen in den Schnürboden. Bleischwer ist die Luft, von den Klagelauten aus den Büchern Jesaja und Jeremia und vom Gehämmer der Trümmerfrauen. Alles schmeckt hier nach Apokalypse, nach Endzeit – die Sprache, die Geräusche, die Musik, der Raum. «Am Anfang» hat Anselm Kiefer seine Installation für die Pariser...
