Editorial

Die Dramaturgie des Skandals folgt einem (fast) immer gleichen Muster: Da ist zunächst ein casus belli, der Schockwellen öffentlicher Erregung freisetzt; diese münden in einer (meist) prominent besetzten ergebnis­offenen Debatte (gut, dass wir über alles geredet haben); den Abschluss bildet eine Phase der Erschöpfung. Das Interesse erlahmt. Denn auch ein Reizthema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz kann rasch seinen Reiz verlieren.


Im Fall der Berliner «Idomeneo»-Affäre betrug die Halbwertzeit des Skandalons, sprich: die medial verstärkte Empörung darüber, dass die Inszenierung von Hans Neuenfels an der Deutschen Oper aus Sicherheitsgründen abgesetzt wurde, gerade mal eine Woche. Dann ging man wieder zur Tagesordnung über. Das Mozart-Jahr hatte seinen ultimativen Kick. Die weltweit und lautstark erhobenen Vorwürfe gegen die Intendantin Kirsten Harms, sie habe die Freiheit der Kunst verraten – sie sind schnell verrauscht. Das Kopfschütteln über den Berliner Innensenator Erhart Körting, der nach einem anonymen Anruf die Neuenfels’sche Deutung wegen eines blutigen Mohammed-Hauptes aus der Requisite zunächst als ernstes Sicherheitsrisiko einstufte, um die Leitung des Hauses in ...

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Opernwelt November 2006
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Möch, Albrecht Thiemann

Vergriffen
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