Durchgeknallt

Politsatire, Märchen, Liebeskomödie und Spektakel: Jacques Offenbachs «Le Roi Carotte» ist ein Disney-Film avant la lettre

Ein König, der von einem Wurzel­gemüse entthront wird. Ein Sexualverbrechen inmitten von Marien-Mystik. Heiner Müller in den Ruinen Europas. Schrille Stoffe, an die sich schon lange niemand mehr traute.

Aber nun hat die Opéra de Lyon Offenbachs «Le Roi ­Carotte» (1872) heiter eingedampft, das Theater Freiburg Wolf-Ferraris Neapel-Thriller «Der Schmuck der Madonna» (1911) schlüssig aufbereitet und die Oper Zürich Rihms «Hamletmaschine» (1987) wunderwirksam wieder in Betrieb genommen – wobei der Titel «Wiederentdeckung des Jahres» mit knappem Vorsprung an «I giojelli della Madonna» geht.

 

«Stellt Euch vor! Ein Gemüse auf dem Thron, das gab es noch nie!» Nein, in der Tat, eine Karotte, die schändlich die Macht gegen einen legitimen König ergreift, sich die diesem versprochene Prinzessin unter die Wurzeltriebe reißt und sich die Minister gefügig macht, das kommt sonst selbst im Werk Jacques Offenbachs nicht vor, in dem es ja fast alles gibt. «Le Roi Carotte», aus dem die Eingangszeile stammt, ist überhaupt reich an in der Musiktheatergeschichte unerhörten, be­ziehungsweise unersehenen Bildern. Um seinen Thron von der üblen Karotte zurückzuerobern, muss der miserabel regierende, aber ...

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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 36
von Michael Stallknecht

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