Dunkle Fülle
Eine Müllhalde, davor ein scheinbar endloser Flüchtlingsstrom: Das erste Bild lässt rabiate Aktualisierung erwarten. Doch was Ausstatter Stefan Heyme auf die Bühne gestellt hat, ist weniger naturalistisches Abbild als stilisierte Skulptur. Regisseurin Tatjana Gürbaca gewinnt daraus ein Emblem menschlichen Elends, das Gegenwart und Vergangenheit erhellend aufeinander bezieht, ähnlich wie die Maler des Mittelalters, die sich Personen der Heilsgeschichte als ihre Zeitgenossen vorzustellen pflegten.
Die Regisseurin nutzt auch die Raumsituation im Kölner Staatenhaus, die flache Breitwandbühne und den bis weit ins Publikum ragenden Steg; das groß besetzte Orchester ist links und rechts davon platziert. Mitwirkende und Publikum teilen einen Raum, eine Zeit: Das ist die Konstellation des Mysterienspiels, das von alters her das Exemplarisch-Überzeitliche verhandelt.
Genau dies war auch Walter Braunfels’ Anliegen. Das Schicksal Johannas, der «Jungfrau von Orléans» – gefeiert, verstoßen, verurteilt – musste ihm schon deshalb nahegehen, weil ihm selbst im nationalsozialistischen Deutschland Ähnliches widerfahren war. Der hoch geachtete Komponist und Hochschulrektor sah sich unversehens als ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Ingo Dorfmüller
Schon ein Jahr nach der Uraufführung kamen Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» 1958 im Teatro Nacional de São Carlos heraus – zunächst auf Italienisch. 1970 spielte man das Stück dort erstmals in der französischen Originalfassung. Nun, nach 45 Jahren, erfuhr der Dreiakter in Lissabon eine weitere Neudeutung – mit ausnahmslos portugiesischen Sängerinnen und...
Impressum
57. Jahrgang, Nr 4
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752288
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Redaktionsschluss dieser Ausgabe
war der 09.03.2016
Redaktion
Wiebke Roloff
Albrecht Thiemann (V. i. S. d....
Als Musikhistoriker freue ich mich über jede Ausgrabung, Neugier gehört zum Beruf. Die Nagelprobe auf den Brettern erlaubt es, eine Oper ganz anders kennenzulernen als durch das Lesen der Noten.
Da man aber unmöglich alles ausgraben kann, stellt sich – wie überall im Leben – die Frage der Prioritäten. Die Phrase von «zu Unrecht» vergessenen Werken hilft dabei nicht...
