Doppelbödiger Belcanto

Die Stuttgarter Staatsoper meldet sich zurück. In der ersten Spielzeit unter Intendant Jossi Wieler sorgte sie für die «Aufführung des Jahres»: Bellinis «La sonnambula». Der Hausherr und Sergio Morabito sind für diese Produktion außerdem als «Regisseure des Jahres» gewählt worden. Damit noch nicht genug: Ana Durlovski in der Partie der Amina ersang sich den Titel «Nachwuchssängerin des Jahres». Und, das ist keine Überraschung, sondern eine Bestätigung: Der Stuttgarter Opernchor ist – und bleibt – «Chor des Jahres». Der Stuttgarter Erfolg beruht auf Ensemblegeist und Ensemblearbeit. Es gibt (wieder) so etwas wie eine Identität des Hauses, für die sich alle einsetzen und aus der alle Kraft schöpfen. Die Beiträge auf den folgenden Seiten zeigen, was das konkret bedeutet.

Am Ende löst sich alles in jubelnde Freude auf: «Ach, keiner kann erahnen, / wie glücklich ich bin», singt Amina auf eine hinreißend schwungvolle Melodie zu pulsierender Orchesterbegleitung, die anderen stimmen ein – Aminas Ziehmutter Teresa, ihr Verlobter Elvino, der Conte Rodolfo und der Bauer Alessio sowie der Chor der Landleute. Das Finale von Vincenzo Bellinis «La sonnambula» feiert die Auflösung von Missverständnissen und die Versöhnung des Liebespaars.

In der Neuinszenierung des Werks von Jossi Wieler und Sergio Morabito, die am 22.

Januar 2012 an der Oper Stuttgart Premiere hatte, gibt es kein lieto fine, denn nach dem, was sich zuvor ereignet hat, kann es keines geben. Wie bei Bellini und seinem Textdichter Felice Romani ereignet sich die Geschichte bei Wieler/Morabito in einem kleinen Dorf in den Schweizer Alpen, zeitlich freilich in Richtung unserer Gegenwart versetzt. Die Handlung könnte um 1950 spielen, vielleicht aber auch erst vor ein paar Jahren – in mancher dörflichen Gegend scheint die Zeit und mit ihr das moralische Wertgefüge ihrer Gesellschaft geradezu stehen geblieben zu sein. Das Geschehen ist auf einen Innenraum konzentriert, ein von Anna Viebrock mit ...

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Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Aufführung des Jahres, Seite 10
von Thomas Seedorf

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