Die zwei Gesichter der Moderne

Tunnel und Labyrinth: Pierre Boulez zum Fünfundachtzigsten, Dieter Schnebel zum Achtzigsten

Schon 1955 wies Theodor W. Adorno in «Das Altern der Neuen Musik» auf die Gefahr dogmatischer Verfestigung des «Serialismus» in der Darmstädter Schule hin, die manchen, wie etwa Henze, als ästhetische Zwingburg des Avantgarde-Radikalismus erschien. Wobei die monolithische Wucht der Institution sicher überschätzt wurde. So einig waren sich damals Stockhausen, Nono und Boulez nämlich keineswegs. Heute sind Nono, Stockhausen, Cage, Messiaen, Ligeti, Kagel, Berio und Pousseur tot.

Von den Granden der Nachkriegsmoderne sind noch Pierre Boulez, Elliott Carter, Klaus Huber und Dieter Schnebel nicht nur am Leben, sondern höchst vif. Boulez wird am 26. März fünfundachtzig, Schnebel am 14. März achtzig.

Doch nicht nur aus biografischen Gründen stellt sich die Frage nach der «wahren» Musik der Gegenwart, mindestens so alt wie einst die nach der «Zukunftsmusik», immer wieder neu: Was heißt Moderne, Avantgarde, gar «Fortschritt»? Dieter Schnebel hat sie paradox so beanwortet: «Das Ziel weicht in die Zukunft zurück, je mehr man sich ihm nähert; es zu erreichen – wohl auf vielen Umwegen – ist (eine) Kunst.» Unverkennbar ist dabei Schnebels Bezug auf Walter Benjamins rätselhaften Text vom «Angelus ...

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Opernwelt März 2010
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Gerhard R. Koch

Vergriffen
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