Die Welt ist dümmer geworden

Zum Tod von György Ligeti

Am Montag, dem 12. Juni befand ich mich am frühen Abend mit dem Auto in der Nähe des Holledauer Dreiecks. Links und rechts Hopfenfelder. Um sechs Uhr meldete der Nachrichtensprecher im Radio: «Der Komponist György Ligeti ist heute Vormittag in Wien gestorben. Er war dreiundachtzig Jahre alt.» Die Nachricht wirkte auf mich wie Schock, überwältigend trotz der langen Krankheit, die schon länger das Schlimmste (für die Mitwelt) befürchten ließ. Für den Kranken war es die Erlösung.

Die dutzendfach parallel gespannten Hopfendrähte erschienen mir plötzlich wie die sechzig Notensysteme der «Atmo­sphères» von 1961, die tausende Hopfenranken wie ein strukturelles Abbild der Musik Ligetis: Alle gleich, aber alle verschieden. Pflanzenmikropolyphonie. Die Wolken am Himmel wurden zu ihrer eigenen Metapher von Ligetis «Clocks and Clouds», und die Hupe des drängelnden Hintermanns kam aus der Ouvertüre zu «Le grand Macabre» – der einzigen Oper Ligetis nach der einzigen «Anti-Oper» der «Aventures & Nouvelles Aventures». Es fällt schwer, über jemand zu schreiben, den man gekannt hat. Wo hört das Objek­tive auf, beginnt das Private?
Wie andere – und wie er selbst wohl auch – hatte ich versucht, den ...

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Opernwelt August 2006
Rubrik: Magazin, Seite 28
von Dietmar Polaczek

Vergriffen
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