Die verletzbare Starke
Alceste ist tot, die Partie zu Ende. Die Protagonistin aber sitzt die letzten zehn Minuten der Aufführung noch an der Rampe: still, ohne zu singen, das ganze Drama um Leben und Sterben noch einmal rekapitulierend. Die kleinen Bewegungen ihres Kopfes, die Verschattungen des Blicks erzählen. Alceste blickt aus dem Jenseits zurück auf die Welt, auf Hoffnungen und eine große, missverstandene Liebe. Das Nahtoderlebnis steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Und die ungelöste Frage, was das Selbstopfer, das sie für ihren Mann brachte, bewirkt hat.
Nichts als Verstörung, Distanz, Einsamkeit? Die finale Musik weiß nichts von diesen Zweifeln. Sie schafft den Rahmen für ein festliches Ballett, und sie wird in der Stuttgarter Aufführung von Jossi Wieler und Sergio Morabito nicht gestrichen, sondern genutzt: als Kontrast zur Introspektive der Titelheldin. Ein starker, ein schizophrener, ein offener Schluss. Einer, der einzig von der inneren Kraft der Darstellerin lebt, ihr anvertraut und auferlegt, den ganzen Abend wortlos, stimmlos zu bündeln. Catherine Naglestad trägt diesen Schluss. Sie trägt den Abend. Alceste ist tot. Es lebe Alceste.
Es war ein Stück Arbeit. Die Sopranistin, die sonst ...
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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 4
von Klaus Kalchschmid
Jeder Komponist wandelt sich während seines Schaffensweges. Trotzdem sind die für das Lebenswerk György Ligetis charakteristischen Änderungen sehr überraschend. Im 20. Jahrhundert kann man sie, wenn überhaupt, nur mit Igor Strawinskys kompositorischer Vielseitigkeit vergleichen. Ligeti geht noch über Strawinsky hinaus: Bei einigen Werken glauben wir einen anderen,...
Wer auf die dreizehn Jahre unter Leitung von Sir Peter Jonas zurückblickt, denkt zuerst an den Urknall, der am 21. März 1994 das Universum der Bayerischen Staatsoper erschütterte und heute als ein ästhetischer wie inhaltlicher Wendepunkt des Hauses erscheint. Die fast leere, bis zur Brandmauer aufgerissene Bühne beherrschte da in Georg Friedrich Händels «Giulio...
Gedanken
Warum Musiktheater? Warum überhaupt komponieren? Immer wieder stellt sich mir diese Frage, wenn ich sprachlich auf Musik zugehe, auf ihre Geschichte und Gegenwart, ihre Rezeption und institutionellen Bedingungen. Und zugespitzt begegnet sie einem, wenn das Sujet selbst auf Sprache gründet, sie erzeugt und von ihr umgeben ist, wie es im Musiktheater der...
