Die Tragödie des Altphilologen

Wien | Theater an der Wien| Monteverdi: L’Orfeo

Opernwelt - Logo

Opernaufführungen in bourgeoisem Ambiente anzusiedeln – vorzugsweise in Treppenhäusern bürgerlicher Villen – scheint en vogue. Claus Guth hielt dies schon öfter so, bei seinem «Fliegenden Holländer» in Bayreuth beispielsweise oder beim Salzburger «Figaro». Auch Mariame Clément verortete Rameaus «Castor et Pollux» in ähnlichem Ambiente, suchte den Dioskuren-Mythos aufzubrechen, zur großbürgerlichen Tragödie umzuformen.

Letzteres geschah Anfang 2011 am Theater an der Wien.

So hat der Betrachter, wenn sich nun beinahe ein Jahr später dort der Vorhang zu Claus Guths Inszenierung von Monteverdis «L’Orfeo» öffnet, ein Déjà-vu-Erlebnis: erneut eine Treppe, erneut mythische Figuren in bourgeoisem Kostüm. Der reife Altphilologe Orpheus (aufopfernd gespielt und gesungen von John Mark Ainsley) feiert die Hochzeit mit seiner jungen Frau – vermutlich einer seiner Studentinnen – im Rahmen eines Antikenfests. Man setzt sich Lorbeerkränze auf und verstellt die Bibliothek des Professors mit einer Tempelkulisse; einige Damen und Herren tragen wehende Faltenwurf-Kostüme. Fotografiert wird mit Polaroid, was auf die 1970er-Jahre schließen lässt.

Orpheus hat sein Leben einzig und allein auf Euridice ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Apropos... Spieltechnik

Wann haben Sie zum ersten Mal ein Orchester dirigiert?

Cantus Cölln wurde immer größer, irgendwann kam ein kleines Orchester hinzu. Aber solange man sich in der freien Szene bewegt, ist das nicht der große Unterschied. Der tritt erst ein, wenn man vor einem «normalen», klassisch geschulten Stadt- oder Staatsorchester steht. Da weht schon ein anderer Wind, man kann...

Gallia abbandonata

Ein kurioser Zufall bescherte dem Opernland Nordrhein-Westfalen und seinen Belcanto-Liebhabern gleich zwei Premieren von Vincenzo Bellinis «Norma», nämlich in Dortmund und in Krefeld, keine 75 Kilometer voneinander entfernt. Der direkte Vergleich drängt sich geradezu auf. Seit Maria Callas in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Meisterwerk...

Feine Linien, schiefe Proportionen

Vor drei Jahren hatte der damalige Intendant des Maggio Musicale, Francesco Giambrone, angekündigt, dass der «Parco della Cultura e della Musica» in Florenz, ein moderner Komplex für Opern-, Ballett- und Konzertveranstaltungen, dessen Baukosten damals auf 80 Millionen Euro veranschlagt wurden, am 28. April 2011 eröffnet werde. Schon bald stiegen die Kosten jedoch...