Die Stadt, der Müll und der Tod
Verdis «La traviata» war zur Zeit ihrer Uraufführung anno 1853 eine Gegenwartsoper: Auf der Bühne erschienen Figuren, die auch im Saal als Zuschauer saßen. Die Vorlage für das Libretto stammte von Alexandre Dumas’ Sohn, dessen Schauspiel «La Dame aux Camélias» nur ein Jahr zuvor in Paris Premiere hatte.
Im Verlauf der Jahrzehnte, und damit der wachsenden Entfernung vom gesellschaftlichen Ursprung, entwickelte sich «La traviata» immer mehr zu einer üppigen Ausstattungsoper, in der das traurige Schicksal einer Frau namens Violetta Valéry die Färbung einer sentimentalischen couleur locale annahm.
Es ist verständlich, dass das moderne Regietheater dieser Rezeptionsgeschichte energisch entgegenarbeiten möchte. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf das Existenzielle der Geschichte und Figuren. Wofür könnte Violetta stehen – damals wie heute? Für die Rolle der Frau in einer männlich determinierten Welt? Für das Thema «Einsamkeit» in der Gesellschaft, das beispielsweise Klaus Michael Grüber in seiner Pariser Inszenierung von 1993 im Châtelet-Theater so eindrucksvoll gestaltete? Oder, eher allgemein und zeitübergreifend: die Darstellung einer «Zerstörung der Seele», wofür Violettas ...
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Die Erfurter Neuinszenierung von Verdis «La traviata» – kurzfristig für einen ursprünglich mit Johann Kresnik geplanten «Maskenball» ins Programm geschoben – war spektakulär wegen des Deutschland- und Rollendebüts der jungen lettischen Sopranistin Marina Rebeka, die mit erstaunlicher musikalischer wie szenischer Selbstsicherheit die Titelpartie übernahm. Rebeka...
Philippe Quinault war für Jean-Baptiste Lully so etwas wie Da Ponte für Mozart: ein umsichtiger Dichter, der von der Bühne her kam und genau wusste, was ein Libretto braucht und worauf es besser verzichtet, um bei der Zensur durchzugehen und beim Publikum anzukommen.
Quinault und Lully hatten vor ihrer Oper «Thésée», die im Januar 1675 im Schloss von...
Das «Prima la musica»-Postulat in der Oper, so obsolet es ohnehin ist, kann bei einem Werk wie Verdis «Falstaff» geradezu zerstörerische Wirkung haben, denn hier haben wir es mit dem Idealfall einer Symbiose von Text und Musik im Dienste des Theaters zu tun. Als Carlo Maria Giulini diese Musikkomödie vor fünfundzwanzig Jahren in identischer Besetzung in Los Angeles...
