Die reine Wahrheit

Krassimira Stoyanova hat ein außergewöhnliches Verismo-Album aufgenommen

«Hübsch hässlich habt ihr’s hier», sagte Heinz Rühmann als Pater Brown im Streifen «Er kann’s nicht lassen» den Bewohnern einer Insel vor Irlands Küste. Es ist die wörtliche Übertragung des englischen pretty ugly (eigentlich als «ziemlich hässlich» zu übersetzen; doch «hübsch hässlich» passt hier besser – auch hinsichtlich der Vorurteile gegenüber dem Verismo).

«Schön hässlich bitte», forderte Anselm Gerhard, Musikwissenschaftler und Opern-Freak, vor einiger Zeit in dieser Zeitschrift, wobei er konzedierte, nur wer es schön könne, verfüge über die Souveränität, auch schön hässlich zu singen. Wir behaupten: Nur wer richtig «auf Linie» singen kann, darf diese im Sinne der extremen Expression auch mal zerreißen. Technische Mängel als Ausdruck zu verkaufen, ist unredlich. Denn auch das Programm des Verismo, wie es etwa von Tonio im Prolog von Leoncavallos «Pagliacci» vorgetragen wird, fordert Wahrheit, Ehrlichkeit, nicht kaschiertes Unvermögen.

Krassimira Stoyanova braucht nichts zu kaschieren. Denn sie ist technisch nahezu unantastbar, kratzt sozusagen nicht von unten am Ausdruck, sondern steht souverän darüber. In ihrem Recital «Verismo» nimmt sie diesen Stil gegenüber dem Vorurteil in Schutz, er sei vor allem grell, plakativ, trashig. Dabei geht es ihr keineswegs bloß um oberflächliche Schönheit, auch nicht um Effekthascherei, sondern eben um Stimmigkeit und Wahrheit. Freilich, völlig zerreißen würde sie ihre Gesangslinie nie, doch dehnt sie diese gelegentlich bis zum äußerst Möglichen, um die Seelenfarben der jeweiligen Figuren auszuloten.

Beim Hören kommt man sofort ins Schwärmen. Schon in der ersten Arie, Manon Lescauts «In quelle trine morbide», becirct sie uns mit ihrem silbrigen Ton. Und in der zweiten, «Io son l'umile ancilla» der Adriana Lecouvreur, spinnt sie das bei «... un soffio è la mia voce» in der Partitur verlangte pp con un fil di voce betörend aus, um das zweigestrichene as bei «morà» wunderbar auf dem Atem zu öffnen. Ihre vorzüglich gesättigten Hochtöne sind organisch aus dem Legato entwickelt; nie reißt sie diese einer vermeintlichen Expression zuliebe (die ja letztlich doch nur auf Effekt zielt) auf. Im Übrigen findet die Stoyanova für jede der Figuren einen ganz eigenen Tonfall. Ungemein berührend auch das «Poveri fiori» der Adriana Lecouvreur; noch aufwühlender die längste Nummer dieses Recitals, «Flammen, perdonami!» mit dem bitteren Kältetod der Titelheldin aus Mascagnis wenig bekannter Oper «Lodoletta». Pavel Baleff und das Münchner Rundfunkorchester sind adäquate Partner, tragen Krassimira Stoyanova auf subtilste Weise.

Weil nur der Liebe Gott absolut perfekt ist, könnte man eventuell ein Haar in der – fabelhaft gekochten – Suppe finden. Wenn man nämlich die Stoyanova in «La mamma morta» aus Giordanos «Andrea Chénier» mit der Callas vergleicht, wird man feststellen, dass die Bulgarin eigentlich keine echte Spinto-Stimme hat. Doch vermag sie auch als Lyrische völlig zu überzeugen, ohne je forcieren zu müssen. Dass sie im Opernbusiness nicht ganz so hoch gehandelt wird wie etwa Anna Netrebko, liegt wohl vor allem daran, dass sie wenig Wert auf Glamour legt. In der Fernsehwerbung würde man die Stoyanova wohl kaum sehen. Künstlerisch rangiert ihr Verismo-Album freilich vor jenem der Russin.

VERLOSUNG Am 10. März um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer. Melden Sie sich: 030/25 44 95 55

 

KRASSIMIRA STOYANOVA: VERISMO
Arien und Szenen aus Puccinis «Manon Lescaut», «Madama Butterfly», «Suor Angelica», «Turandot», «Edgar» und «Tosca», Cileas «Adriana Lecouvreur», Mascagnis «L'amico Fritz» und «Lodoletta», Catalanis «La Wally», Giordanos «Andrea Chénier». Münchner Rundfunkorchester, Pavel Baleff
Orfeo 4011790899121 (CD); AD: 2015


Opernwelt März 2017
Rubrik: CD des Monats, Seite 37
von Gerhard Persché