Die Macht ist unsichtbar

Barrie Kosky und Lorenzo Viotti setzen ihren Puccini-Zyklus in Amsterdam mit einer furios-fatalistischen «Turandot» fort

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Fangen wir diesmal mit dem Ende an. Puccinis letzte Oper bietet drei finale Lösungen. Die erste ist in der Aufführungsgeschichte des Werkes die meistgewählte, aber beileibe nicht die beste: Franco Alfanos apotheotische, affirmativ-apodiktische Ergänzung suggeriert einen Triumph der Liebe, den der Stoff beim besten Willen nicht hergibt; gleichsam ein lieto fine, das Versöhnung vorgaukelt, wo es Versöhnung nach dem bis dahin Geschehenen eigentlich nicht geben kann.

Die zweite Lösung ist schon weit plausibler: Luciano Berios Epilog von 2002, der dem Alfano’schen Ausrufezeichen ein Fragezeichen aus fahlen, brüchigen, fragmentierten Klängen entgegensetzt, mit dem die Modernität der Partitur wohltuend differenziert weitergeschrieben wird. Lösung Nummer drei ist die (auch vom Uraufführungsdirigenten Arturo Toscanini favorisierte) Puccini-Lösung: Mit den letzten leisen Worten der trauernden Menge («Liu! Poesia!») bricht das trist-trübe musikalische Geschehen in der Todestonart Es-Moll nahezu unvermittelt ab. Ein offenes Ende, das zum einen die Tragik dessen, was zuvor passiert ist, vermittelt, und zum anderen dem Willen des Schöpfers folgt, der diese Oper nicht vollenden konnte. Oder nicht ...

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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten

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