Die leise Stärke
Ein Werk wächst. Wechselt Farbe, Form, Figur. Bleibt aber beständig, nur eben anders gefasst. In seinem wunderbar präzisen «Versuch über Musik und Sprache» hat der Philosoph Albrecht Wellmer den Gedanken einer während ihres Fortbestehens in der Welt sich stetig entwickelnden Partitur umschrieben. Diese, heißt es da, sei nicht schon das Werk, das in ihr gemeint ist. Auch die Aufführung könne nicht identisch mit dem Werk sein, «da sie ja nur eine von unzählig vielen anderen möglichen klanglichen Realisierungen einer Partitur, eben von Aufführungen des Werkes, darstellt».
Folglich, vermutet Wellmer, sei das Werk nirgendwo als solches greifbar; «es» existiere nur, als niemals definitiv Fertiges, Vollendetes, wie der imaginäre Fluchtpunkt eines potenziell unabschließbaren Verweisungsspiels zwischen dem Notentext und seinen Realisierungen.
Wie kaum ein zweites Musiktheater aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann Aribert Reimanns «Lear» unter diesem Blickwinkel betrachtet werden, zählt diese Oper doch zu jenen seltenen Werken, die nach ihrem ersten Erscheinen weiterhin enorme Beachtung gefunden haben. Von der Uraufführung 1978 in der Bayerischen Staatsoper, mit Dietrich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Unter allen Opern Verdis nach «Rigoletto» ist «Les Vêpres siciliennes» das Aschenbrödel. Im Gegensatz zu anderen, früher ähnlich selten gespielten Werken wie «Simon Boccanegra» oder «La forza del destino» findet man die Oper aus dem Jahr 1855 heute nicht einmal gelegentlich auf den Spielplänen. Und kommt es einmal zu einer Aufführung, sind sich Fachwelt und...
Vatermord, Folter, Nekrophilie, Wahnsinn – Andrea Lorenzo Scartazzinis Oper «Wut» führt in eine düstere, hoffnungslose Welt. Das Stück des 1971 in Basel geborenen Schülers von Rudolf Kelterborn und Wolfgang Rihm wurde im September 2006 am Theater Erfurt uraufgeführt (siehe OW 11/2006). Nun stellte das Stadttheater Bern das Werk in der Schweiz vor. Zu Grunde liegt...
Die Gladbecker Halle Zweckel im Norden des Ruhrgebiets ist ein imposanter Bau aus den heroischen Zeiten der Schwerindustrie. Nostalgie hängt im dunstigen Luftraum. Der erhebt sich hoch über den Gleisen, die Christof Hetzer unten auf dem Hallenboden in altem Stil neu verlegen ließ. Birkenbäumchen wachsen aus dem Schotter. Eine idyllisierte Industriebrache, wie so...
