Die gefährliche Einsamkeit einer Mutter

Cherubini: Médée Bielefeld / Theater

Wie soll man heute die fern gerückte Geschichte der Medea ­erzählen? Kindsmord durch die eigene Mutter findet heutzutage überwiegend in prekärem Milieu statt, als Ursachen für die Kindesmisshandlung mit Todesfolge werden zumeist Verwahrlosung und Überforderung ausgemacht. Also eher nicht jene rasende ­Rache aus Eifersucht, von der der antike Medea-Mythos erzählt. Der noch dazu in der upper class spielt, ist doch Medea eine Königstocher.

Auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Klasse knirscht die Übersetzung ins Heute, denn die ungeliebten Kinder der Schönen und Reichen pflegen sich im 21. Jahrhundert vorzugsweise mittels Drogen selbst aus dem Leben zu schießen.

Florian Lutz holt in Bielefeld Luigi Cherubinis Tragédie lyrique «Médée» in eine zwischen den 1980ern und heute oszillierende Gegenwart, verpflanzt den Konflikt in den Kern der Gesellschaft – die konsumfreudige Mittelschicht – und denkt darüber nach, wie wir es heute eigentlich mit unseren Kindern halten. So hantiert gleich zu Beginn der Damenchor mit Puppenkindern, die emsig mit Musikinstrumenten und anderem pädagogischen Gerät zu erfolgreichen Aufsteigern abgerichtet werden. Die Hochzeitsgesellschaft von Jason und Dircé ...

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Opernwelt Juni 2014
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Regine Müller

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