Die Gedanken sind frei
Was für Zeiten, als Wunder noch blau waren und man sich auf sie verlassen konnte. Richard Wagner hat in seiner Erläuterung zum «Lohengrin»-Vorspiel von einem «blauen Himmelsäther» gesprochen, von darin schwebenden Engeln, die den Gral tragen. Enkel Wieland hat dann viel später ein Konzept aus der Farbe gemacht: «Lohengrin» als Inbegriff romantischer Sehnsucht, der Chor als Gemeinschaft von Wundergläubigen, ein blaues, oratorisches Heilsgeschehen. Seitdem ist viel mit dem Schwanenritter passiert. Blau war dabei tabu, Romantik meist auch.
Um in Bayreuth zu bleiben: Götz Friedrich und Günther Uecker entwarfen eine Nagelprobe in Schwarz und Weiß. Werner Herzog holte das Märchen zurück. Keith Warner konnte sich nicht entscheiden zwischen Fantasy und Realismus. So unterschiedlich die Produktionen ausfielen, eines blieb: der Schwanenritter als Kraft von außen, als Projektion, als auratischer Fremder.
Mit all dem ist jetzt Schluss. Hans Neuenfels, mit neunundsechzig ein später Hügel-Debütant, kehrt die gewohnten Perspektiven um. Lohengrin ist bei ihm der einzig Normale. Statt Brustpanzer genügt ein weißes Hemd. Ein adretter, schlanker, dunkel gelockter Jüngling, dessen Wunderbares und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2010
Rubrik: Festspiele I, Seite 12
von Stephan Mösch, Gerhard Persché
Ein Blick auf die Besetzungszettel dieser beiden historischen Fernsehopern ruft bei mir erst einmal nostalgische Gefühle wach. Ihre Erstausstrahlung habe ich als Schüler auf dem Bildschirm verfolgt, die meisten der beteiligten Sänger noch auf der Bühne erlebt. Beim Wiedersehen fast ein halbes Jahrhundert später ist mein Eindruck sogar noch stärker, was sicher auch...
Zwei Prellböcke stehen auf der Bühne. Der Vorhang im Festspielhaus Bregenz ist noch geschlossen, da fällt schon der Blick auf die beiden stählernen Puffer, die wie Mahnmale erscheinen. Endstation Auschwitz. «Hier gibt es nur einen Ausgang. Durch den Schornstein des Krematoriums», singt in Mieczyslaw Weinbergs Oper «Die Passagierin» eine verrückt gewordene Alte...
Mahler 2010 allenthalben, im Konzertsaal wie auf CDs! Die publizistische Ausbeute des Mahler-Gedenkjahres allerdings fällt denkbar gering aus. Kein Silberstreifen am Horizont für eine Sammlung sämtlicher Briefe, erst recht nicht für die dringend anstehende wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke. Und selbst an eine Neuauflage der seit Langem vergriffenen...
