Die Frau vom Meer

Sie ist extrem wandlungsfähig, gebietet über eine schöne, frei fließende Stimme, besitzt großes schauspielerisches Talent. Ein Porträt der lyrischen Sopranistin Nadja Mchantaf, die Ende Januar an der Komischen Oper Berlin als Mimì debütiert

Opernwelt - Logo

Draußen, vor der Tür, die Kälte. Eisige Winde, Regenfäden, grauschwerer Himmel. Drinnen, im Ballettprobensaal, das Gleiche, nur in anderen Farben, Formen, Figuren. Eine Stiefmutter, deren Seele so schwarz ist wie ihr Kleid, zwei Stiefschwestern in blaustrümpfiger Blödheit, mit geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf und Gemeinheiten im Gehirn. In ihrer Mitte die Verletzte, gefangen im steril-stählernen Gehäuse, gedemütigt, Bein und Herz gebrochen. Doch kaum erhebt das Mädchen mit dem märchenhaften Namen Lucette seine Stimme, strömt Wärme durchs gesamte Haus.

Und eine Hoffnung, wie sie anmutiger, würdevoller kaum klingen kann.

Es ist «nur» eine Repertoirevorstellung in der Komischen Oper Berlin, an einem Sonntagnachmittag. Die Premiere liegt mehr als zwei Jahre zurück, die üblichen Schlendriane schleichen durch die Lamellen und den Graben. Aber für die Hauptdarstellerin gilt das nicht. Sie gibt sich hin. Schüttet Lyrismen und Lava in den Raum. Ist auf den Punkt fit, fokussiert, zudem in fabelhafter vokaler Verfassung. Wichtiger aber: Für Nadja Mchantaf macht das keinen Unterschied, ob es ein erster Abend ist, ein siebter oder ein – wie im vorliegenden Fall – geschätzt zweiundzwanzigster. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Zeremonienmeisterlich

Die Große Historische Oper französischen Zuschnitts kam nach den Erfolgen Meyerbeers und Halévys in den 1840er-Jahren auch bei deutschen Komponisten in Mode. Wagners «Rienzi» ist das prominenteste Beispiel, große Beachtung fanden seinerzeit auch die Opern von Franz Lachner und Peter Joseph von Lindpaintner. Zwei Mitschnitte konzertanter Aufführungen rufen ihre...

Muster ohne Wert

Nebel in dichten Schwaden. Von den Seitenbühnen, im Zuschauerraum. Im roten, grünen und blauen Gegenlicht wird das wabernde Trockeneis zu einem unergründlichen Ozean, in dem sich die Umrisse von drei Gestalten abzeichnen: Es könnte der Beginn einer «Rheingold»-Inszenierung sein. War es im Grunde auch. Ganz ähnlich hatte es 1988 im Bayreuther Festspielhaus begonnen....

Schier überwältigend

Das Experiment war einmalig. So zumindest empfand es der Dichter Hugo von Hofmannsthal nach einem äußerst spannungsreichen Entstehungsprozess, der beinahe zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und dem Komponisten Richard Strauss geführt hätte. Am Ende aber stand ein überaus komplexes Meisterwerk – «Ariadne auf Naxos». David Hermann hat es nun in Dresden (nach einem...