Der zärtliche Blick aufs Furchtbare
Sitz!», herrscht uns die junge Frau an, und: «Platz!». Beinahe geben wir Pfötchen. Der Imperativ freilich ist lautlos, ein aufgedruckter Slogan auf ihrem T-Shirt als Platzanweiserin bei den diesjährigen Wiener Festwochen. Ein witziger Einfall, scheint’s, wie der auf Plakaten erscheinende Cartoon mit dem scheckigen Hund, dem ein junger Mann mit gelber Krawatte sanft den Kopf tätschelt. Doch plötzlich, auf dem letzten Bild, hat der Hund die abgebissene Hand des Tätschlers im Maul.
Tuet Böses denen, die euch lieben? Nicht ganz.
«Sitz!» sowie das herablassende Tätscheln stehen vielmehr für eine Haltung, wie Menschen sie wohl nicht nur bei Hunden, sondern häufig auch gegenüber anderen Menschen einnehmen, Reiche gegenüber Armen, Westler gegenüber Ostlern, Erstweltler gegenüber Drittweltlern. «Grenzen und Ausgrenzung» heißt denn auch das Motto der Wiener Festwochen in diesem Jahr.
Claus Guth greift es in seiner Inszenierung von «Lucio Silla», der aufbruchsbereiten Opera seria des knapp siebzehnjährigen Mozart, auf seine Weise auf: Die Geschichte von der erfolglosen Liebeswerbung des römischen Diktators Silla um die Gunst von Giunia, der Braut seines Erzfeindes Cecilio, spielt hier in ...
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Es war sein Einstieg: Frisch aus Klagenfurt engagiert, dirigierte der 29-jährige Ungar Henrik Nánási als neuer Erster Kapellmeister mit «Roméo et Juliette» eine viel versprechende Erstaufführung: Staunenswert, zu welchen Farbmischungen der Bläser und Streicher er sein neues Orchester animierte, wie er Oberstimmen leuchten ließ, Übergänge weich modellierte,...
Zwei historische Schwarz-Weiß-Fotografien sind es, die in diesem Bilderbuch der Oper Eindruck machen: Anja Silja in Cherubinis «Médée» (Frankfurt 1971), mit klarer, gebieterischer Gestik und Mimik, ganz die Kraft des Augenblicks in sich bündelnd, und Maria Callas in Donizettis «Poliuto» (Mailänder Scala 1960), mit geschlossenen Augen, leicht geöffnetem singenden...
Gut zwanzig Jahre nach seiner Emigration aus Deutschland besuchte Josef Tal mit seiner Frau Pola erstmals wieder seine ehemalige Heimatstadt Berlin: «Wir nahmen ein Taxi. Ich sperrte meine Augen weit auf – es wurde eine Geisterfahrt. Nach kurzer Zeit sagte ich zu Pola auf Hebräisch: ‹Du, der fährt uns spazieren, um eine größere Zeche rauszukriegen. Den Weg kenne...
