Der Wille zur Macht
Es ist nicht leicht, ein Zar zu sein. Vor allem dann nicht, wenn das eigene Volk in einem ziemlich heruntergekommenen Betonschacht mit Kronleuchter lebt. Das mit nahezu identischen blonden Scheitelfrisuren ausgestattete Kollektiv, vom neuen Chordirektor des Nationaltheaters Mannheim, Alistair Lilley, hervorragend einstudiert, lässt sich leicht manipulieren und erfleht Boris Godunow als gottgesegneten Herrscher förmlich herbei.
Wie eine zu groß geratene Schar infantiler Wesen hockt die Menschenkinderschar mit baumelnden Beinen auf den Seitenbänken und blättert in Bilderbüchern der gloriosen Vergangenheit. Letztlich ist «Boris Godunow» eine Oper dieses Kollektivs – wenngleich der Kom -ponist sein Werk noch nicht als «musikalisches Volksdrama» bezeichnet hat; das sollte er erst bei der späteren «Chowanschtschina» tun. Hier, im Pfalzbau Ludwigshafen, wird die infantile Masse unterdrückt, um am Ende in weißen, blutbespritzten Kitteln zu einer visionslosen Revolution anzutreten, deren Gewalt der puren Verzweiflung entspringt. Der herbeigesehnte Zar wird als riesiges Gesicht noch vor den ersten Takten der einleitenden Fagott-Linie als Vorhang-Projektion sichtbar. In seinen dunklen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Bernd Künzig
Am Teatro alla Scala ist der Name von Maria Callas untrennbar mit Luigi Cherubinis «Médée» verbunden. Nicht zuletzt mit dieser Partie, die sie 1953 unter Leonard Bernstein und nochmals 1961 sang (am Pult stand Thomas Schippers), erzielte die griechische Sopranistin einen ihrer größten Erfolge. Ob Zufall oder absichtsvolle Reverenz: 62 Jahre lang wurde diese Oper in...
Etwa die Hälfte der Opernhäuser weltweit steht in Deutschland. Würde man davon wiederum die Hälfte schließen, könnten Länder und Kommunen sicher ein paar Lücken in ihren chronisch überlasteten Etats stopfen. Auch bei einem Verzicht auf die Hälfte der 129 deutschen Berufsorchester wäre die kulturelle Grundversorgung noch nicht wirklich gefährdet. Ein ordentlicher...
Ein Märchen ist ein Märchen. In diesem besonderen Fall zwar eines für Erwachsene, aber doch für solche, die im Innersten Kinder geblieben sind. Wo in der Fabel für die echten Kleinen die Prinzessin und der Prinz sich suchen und nach einigen Prüfungen dann auch finden, sind es hier die Kaiserin und der Kaiser, die als namenlose Idealgestalten traumverloren über die...
