Der Kapitalismus frisst seine Kinder
Die Selbstverständlichkeiten zuerst: Natürlich gibt es wieder viel entblößtes Fleisch zu besichtigen in Calixto Bieitos jüngster Regiearbeit. Visuelle Drastik, ein brachialer, unnachgiebig auf kathartische Schockwirkung setzender kritischer Realismus – diese Essenzen des Bieito-Stils prägen auch bei «Wozzeck» im Haus an den Ramblas die Szene. Da macht sich Büchners Doktor an schrundigen Frauenleichen zu schaffen («ein interessantes Präparat»).
Da lüpft die Marie Angela Denokes in der Wirtshausszene kurz das Shirt, um dem als Gary-Glitter-Klon posierenden Tambourmajor zu gefallen. Und kurz vor dem finalen «Ringel, Ringel, Rosenkranz» der von Gott und der Welt verlassenen Kinder schreitet, während das Orchester den mahlernden Fatalismus der d-moll-Verwandlungsmusik intoniert, langsam ein unbekleideter Bewegungschor aus der gleißend blendenden Tiefe des Raumes an die Rampe. Tropfnass vom warmen (sauren?) Regen, der aus einem Sprinklerrohr niedergeht. Die menschliche Kreatur – eine fragile, bedrohte Spezies.
Seine spektakuläre Note gewinnt dieser «Wozzeck» freilich nicht kraft der Nackten und der Toten, die den Weg des labilen Antihelden in den Untergang säumen. Der eigentliche ...
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