Der Kapitalismus frisst seine Kinder
Die Selbstverständlichkeiten zuerst: Natürlich gibt es wieder viel entblößtes Fleisch zu besichtigen in Calixto Bieitos jüngster Regiearbeit. Visuelle Drastik, ein brachialer, unnachgiebig auf kathartische Schockwirkung setzender kritischer Realismus – diese Essenzen des Bieito-Stils prägen auch bei «Wozzeck» im Haus an den Ramblas die Szene. Da macht sich Büchners Doktor an schrundigen Frauenleichen zu schaffen («ein interessantes Präparat»).
Da lüpft die Marie Angela Denokes in der Wirtshausszene kurz das Shirt, um dem als Gary-Glitter-Klon posierenden Tambourmajor zu gefallen. Und kurz vor dem finalen «Ringel, Ringel, Rosenkranz» der von Gott und der Welt verlassenen Kinder schreitet, während das Orchester den mahlernden Fatalismus der d-moll-Verwandlungsmusik intoniert, langsam ein unbekleideter Bewegungschor aus der gleißend blendenden Tiefe des Raumes an die Rampe. Tropfnass vom warmen (sauren?) Regen, der aus einem Sprinklerrohr niedergeht. Die menschliche Kreatur – eine fragile, bedrohte Spezies.
Seine spektakuläre Note gewinnt dieser «Wozzeck» freilich nicht kraft der Nackten und der Toten, die den Weg des labilen Antihelden in den Untergang säumen. Der eigentliche ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Benjamin Brittens todernste, abgründige Kammeroper «The Rape of Lucretia» (Die Schändung der Lukretia) aus dem Jahr 1946 und die ein Jahr später folgende parodistische Komödie «Albert Herring» sind für dieselbe kleine Orchesterbesetzung komponiert. Und doch klingt die Tragödie weitaus intimer, ja spröder als das Satyrspiel. Man möchte meinen, dass sich beide...
Es klingt alles so überlegen, wohldisponiert und kenntnisreich. Kein inszenierter Event, sondern eine Geschichte mit Geschichte, eine in der alles zusammenpasst. Lange hat sich Edita Gruberova Zeit gelassen für die Partie der Norma. Hat sich in konzertanten Aufführungen an die schwerste aller Bellini-Rollen herangetastet, erst in Tokio, dann in Wien und...
Johannisnacht – mit dem nervösen Herzschlag der Pauken und unortbarem Summen zeichnet Philippe Boesmans in seiner Kammeroper «Julie» die subtile Spannung dieser Nacht der Lizenzen und der Triebe. Es darf geträumt werden, und Boesmans gönnt der Köchin Christine unterm Holderbaum ein melodisch fortziehendes Sehnsuchtsmotiv, das noch wiederholt durch die Instrumente...
