Der große Unterschied
Das Ende bleibt offen. Kein Trauerflor in Moll, kein Silberstreif, keine Erlösungsharmonie. Wie ein Fragment, wie eine Frage verweht der letzte B-Dur-Akkord. Eine Quinte und Quart, übereinander geschichtet, in der Tiefe; ein dreigestrichenes D und ein zweigestrichenes F dominieren die Höhe. Der Grundton, ins Abseits gedrängt. Als ob man diesem Akkord nicht trauen solle. Es ist ein spröder Klang, der da zum Schluss der «Griechischen Passion» in der Luft des Wuppertaler Opernhauses hängt.
Ein hohler Resonanzraum, in dem sowohl das «Halleluja» der furchtbar frommen Dörfler von Licovrissi als auch das «Kyrie eleison» der abgewiesenen Flüchtlinge nachzuhallen scheint. Die Musik bricht einfach ab, mezzoforte, schwingt aus ins Ungewisse, Bedrohliche. Gehen das Leiden, die Gewalt, die unerträgliche Dreistigkeit des bigotten Scheins, von der das Stück erzählt, nicht weiter, wenn der Vorhang fällt und der Dirigent den Stab aus der Hand gelegt hat? Spielt die Geschichte des guten Hirten Manolios, der seine Mission findet, als eine Gruppe heimatvertriebener Migranten um Asyl bittet und schließlich von den eigenen Leuten gemeuchelt wird, nicht so (oder so ähnlich) jeden Tag?
Bohuslav Martinus ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Paisiellos Ouvertüren sind komponiertes Lachen, seine spritzigen Arietten so einfach und eingängig, dass man die Melodien unwillkürlich mitsummt; seine Ensembles überraschen immer mit irgendeinem spleenigen Einfall, der bis zu dadaistischem Silben- oder Gräuschsalat hochgeschraubt wird, und die Libretti «seines da Ponte» Giuseppe Palomba sind hinreißend skeptische...
Als «Simon Boccanegra» 1857 zur Uraufführung kam, war Verdi seiner Zeit zu weit voraus, um beim Publikum und bei den Impresari punkten zu können. Das Fiasko in Venedig wollte er nicht auf sich sitzen lassen, und so arbeitete er das Werk – unter Verwendung zahlreicher dramaturgischer Eingriffe von Arrigo Boito – zu einer Art italienischem «Boris» um. Diese Version...
Als Händel 1751 sein Oratorium «Jephta» schrieb, war die Welt des Ancien Régime noch intakt: Während dreißig Jahre später Mozarts Idomeneo abdanken wird, nachdem ihn das Eingreifen Gottes an der Opferung seines Kindes gehindert hat, ist bei Händel der himmlische Gnadenakt noch die Bestätigung herrscherlicher Autorität. Der Monarch, der die Treue gegenüber seinem...
