Der Gral als Organspende

Filmproduzent Bernd Eichinger und Daniel Barenboim mit «Parsifal» an der Berliner Lindenoper

Parsifal» in einem offenen Orches­tergraben: Das kann im Grunde genauso wenig funktionieren wie die «Meistersinger» unter dem Bayreuther Deckel. Mischklang und Verschleierungstaktik von Wagners letzter Partitur sind so detailliert auf die Spezifika im Festspielhaus abgestimmt, dass sie in anderen Opernhäusern automatisch verzerrt erscheinen – zur Kenntlichkeit entstellt nämlich, was in diesem Fall keineswegs positiv zu verstehen ist. Dieselbe Bayreuther Akustik, die den «Meistersingern» Mittelstimmen, Klangfülle und Glanz raubt, gehört beim «Parsifal» zur Substanz.


Daniel Barenboim hat sie in seinen fast zwanzig Sommern auf dem Grünen Hügel weidlich kennen gelernt (wobei er den «Parsifal» nur ein Jahr dirigierte). Trotzdem ist das Kunststück, das er jetzt an der Berliner Staatsoper fertig bringt, buchstäblich unerhört: «Parsifal» tönt fast so wie dort, wo Wagner ihn aus­schließlich haben wollte. Der von Adorno gerühmte, abgeblendete, «in sich vielschichtige, gebrochene» Klang entfaltet seine Aura im offenen Graben, ohne dass die Klangquellen, etwa beim «Liebesmahlthema», hörbar sind. Wo sonst das Englischhorn unvermeidlich heraussticht, oder wo (wie in der ersten Verwandlungsmusik) ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Immer nur das Eine

Wie viele Menschen passen in einen winzigen Wohnwagen? Zwei, vier, fünf? Falsch. Ungefähr fünfzig. ­Vorausgesetzt, es gibt einen mit Autoreifen verdeckten Einstieg durch die Unterbühne in den Boden der Camping-Behausung. Kleingeblümte, kopftuchtragende Frauen und schnauzbärtige Männer quellen samt ihrer Klappmöbel und Kochutensilien aus dem weißen Plas­tik-Ei, bis...

Großes Klein-Ensemble

Anselm ist Student. Natürlich, er muss Student sein, denn schon in der Romantik heißen die des Lebens nur halb Tüchtigen gern Anselm(us). Sein Lehrer Johann hat ihn beauftragt, aus dem Christophorus-Stoff ein Quartett zu schreiben; doch Anselm – auch darin ein Romantiker – bekommt das Sujet in der vorgegebenen Form nicht in den Griff und wählt lieber die Großform...

Giordano: Andrea Chénier

Eigentlich ist sie eine ihrer Paraderollen, die Maddalena in Giordanos Verismo-Melodram über klassensprengende Liebe und tödliches Leid zur Zeit der Französischen Revolution. Doch selbst eine Daniela Dessì schafft es offenbar nicht jeden Abend, mit einem durchaus dramatisch geladenen «Eravate possente» im zweiten Akt oder einer fragilen, auch in der Höhe zart...