Der Beruhigungsintendant

Günther Rühle über ein beliebtes Phantom, dem derzeit wieder kräftig gehuldigt wird

Günther Rühle, seit den sechziger Jahren maßgeblicher deutschsprachiger Theaterkritiker, 1985 bis 1990 sogar selbst Intendant am Frankfurter Schauspiel, hat im März 1984 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Essay veröffentlicht: «Intendant gesucht» (wiederveröffentlicht in dem suhrkamp taschenbuch «Was soll das Theater?»). Zugegeben: Der Text, aus dem wir hier Auszüge dokumentieren, ist ein Vierteljahrhundert alt, und strukturell wie inhaltlich hat das Sprechtheater andere Perspektiven und Probleme als die Oper.

Trotzdem wirkt Rühles Diagnos­tik noch heute, oder schon wieder, aktuell. Manche Passagen des Textes lesen sich, als wären sie – spartenübergreifend – auf die unmittelbare Gegenwart bezogen.

«Heute Theaterintendant zu werden, heißt: enorme Verschleißprozesse auf sich zu nehmen und zu bestehen. Die Dezentralisierung des deutschen Theaters hat in vielen Städten die Ansprüche an das Theater höher getrieben, als sie je waren. Für die Kommunen ist das Theater nach wie vor das erste Institut am Platz. Es soll der Stadt Renommee und gleichzeitig ihr fehlendes geistiges Selbstverständnis ersetzen. Seit der traditionelle Bildungsauftrag die Arbeit des Theaters in einer Stadt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 37
von Günther Rühle

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wahnsinn

Ihren größten Trumpf spart sich Joyce DiDonato ganz bis zum Schluss auf: Mit Dejaniras Wahnsinnszene «Where shall I fly» aus dem Oratorium «Hercules» schließt sie ihr ers­tes Solorecital bei Virgin ab. Eine kluge Entscheidung, denn in dieser Partie ist die Amerikanerin tatsächlich konkurrenzlos: Dass die gattenmordende Königin nach ihrer eigenen Einschätzung der...

Kinder, macht Neues

Wagners politisch vorbelastete Oper von der Utopie einer ästhetischen Selbstregierung des Volkes stellt für jeden Regisseur eine so verlockende wie schwierige Aufgabe dar – wie schwierig, hat Jens-Daniel Herzog zu spüren bekommen, als ihm am Ende seiner Mannheimer Inszenierung ein wahrer Buhsturm entgegenschlug. Dabei hat er den Knoten geradezu genial ge­löst und...

Belcanto mit Joghurt

Doch. Man wird bei Laura Scozzis Neuinszenierung von «Benvenuto Cellini» drei Stunden lang gut, teilweise sogar blendend unterhalten. Aber nach der mit Spannung erwarteten ersten Opernpremiere des neuen Staatsintendanten Peter Theiler vermag ich dennoch nicht in Jubel auszubrechen. Denn der Abend war zwar kurzweilig und in sich stimmig, er bot zum Teil großartige...