«Dass wissend werde ein Weib»
Der Beginn gehört Brünnhilde allein. Leise, auf Zehenspitzen stiehlt sie sich im Dunkel der Nacht zwischen den vier turmhohen, fast schon leer geräumten Regalen einer in Auflösung begriffenen Bibliothek hindurch und beginnt zu lesen, noch bevor im Orchestergraben die Tiefen des Rheins überhaupt zu sprudeln beginnen und der urzeitliche Mahlstrom die ersten Leitmotive menschlichen Seins ans Licht spült.
«Dass wissend werde ein Weib» – der in einem Halbsatz des Schlussgesangs eher unauffällig eingestandene Erkenntnisprozess Brünnhildes ist der dramaturgische Angelpunkt des neuen, jetzt erstmals komplett gezeigten «Rings» an Kopenhagens Opernhaus. Das Publikum sieht über vier Abende lang das, was Brünnhilde lesend erfährt: die Entwicklung der Menschheit von den Goldenen Zwanzigern des «Rheingolds» über die Tristesse der vierziger Jahre in der «Walküre» und die jugendrebellischen Siebziger im «Siegfried» bis in die unmittelbare Gegenwart der «Götterdämmerung».
Die kurze Eingangsszene ist Teil einer mächtigen sinnstiftenden Klammer um die gesamte Tetralogie: Nach Siegfrieds Tod kehren Kopenhagens Opernchef Kasper Bech Holten und sein Dramaturg Hendrik Engelbrecht wieder zu ihrer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Debüt ist lange her. Vor sechsundzwanzig Jahren dirigiert Daniel Barenboim den «Tristan» zum ersten Mal: an der Deutschen Oper Berlin, wenig später dann in Bayreuth. Damals waren viele, nicht nur im Orchester, skeptisch. Würde ein weltberühmter Pianist, der zwar das Orchestre de Paris leitete, aber wenig Opernerfahrung hatte, das wirklich hinkriegen?...
Im Zuge seines langfristig angelegten Ausgrabungsprojekts von italienischen Raritäten aus dem frühen 20. Jahrhundert hat das römische Opernhaus «La leggenda di Sakùntala» (Die Legende der Sakùntala) zur Diskussion gestellt: Franco Alfanos zu Lebzeiten erfolgreiches, inzwischen vergessenes Hauptwerk. Es entstand nach einem selbstverfassten Libretto auf der Basis...
Bürgt der Volkston in den «Wunderhorn»-Texten für eine leichtere Umsetzung in Musik?
H. R.: Ja, denn er bietet dem Komponisten mehr Raum als ein Gedicht aus der Kunstlyrik, das in sich viel strenger gefügt ist. Beim «Wunderhorn» haben wir diese Sprünge, die die Texte machen, bei denen also, verglichen mit ihren Vorlagen, manchmal ganze Strophen ausgelassen werden,...
