«Dass wissend werde ein Weib»

Kopenhagen zeigt Wagners «Ring» als Emanzipations­geschichte Brünnhildes

Opernwelt - Logo

Der Beginn gehört Brünnhilde allein. Leise, auf Zehenspitzen stiehlt sie sich im Dunkel der Nacht zwischen den vier turmhohen, fast schon leer geräumten Regalen einer in Auflösung begriffenen Bibliothek hindurch und beginnt zu lesen,  noch bevor im Orchestergraben die Tiefen des Rheins überhaupt zu sprudeln beginnen und der urzeitliche Mahlstrom die ersten Leitmotive mensch­lichen Seins ans Licht spült.

«Dass wissend werde ein Weib» – der in einem Halbsatz des Schlussgesangs eher unauffällig eingestandene Erkenntnisprozess Brünnhildes ist der dramaturgische Angelpunkt des neuen, jetzt erstmals komplett gezeigten «Rings» an Kopenhagens Opernhaus. Das Publikum sieht über vier Abende lang das, was Brünnhilde ­lesend erfährt: die Entwicklung der Menschheit von den Goldenen Zwanzigern des «Rheingolds» über die Tristesse der vierziger Jahre in der «Walküre» und die jugendrebellischen Siebziger im «Siegfried» bis in die unmittelbare Gegenwart der «Götterdämmerung».
Die kurze Eingangsszene ist Teil einer mächtigen sinnstiftenden Klammer um die gesamte Tetralogie: Nach Siegfrieds Tod kehren Kopenhagens Opernchef Kasper Bech Holten und sein Dramaturg Hendrik Engelbrecht wieder zu ihrer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 11
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Intendanten, schafft Neues!

Seit fünf Jahren verteilt die nordrhein-westfälische Regierung aus ihrem «Fonds Neues Musik­theater» Geld an jene Opernhäuser des Landes, die ein Werk auf den Spielplan setzen, das jünger als vierzig Jahre ist. Ästhetische Kriterien wollte man bisher nicht in Anschlag bringen – und ein Antrag reichte, um zu profitieren von einem Topf, der in diesem Jahr 250 000...

Hypnotisch

Pädagogisch tätig zu sein, ist mir ein unbedingtes Bedürfnis, ein leidenschaftliches Anliegen», sagt Thomas Hampson im Gespräch über den Meisterkurs für Liedgesang, den er beim Heidelberger Frühling abgehalten hat. Tatsächlich wies die Arbeit mit vierzehn Nachwuchssängern den amerikanischen Bariton als berufenen Lehrer aus und bestätigte nachdrücklich das eingangs...

Tschaikowsky: Eugen Onegin

Es war kein Abend des Bühnenbildners. Ein zum Käfig umfunktioniertes Bett­gestell für Tatjanas Briefszene und ein schmaler Steg für das Duell sind die einzigen nennenswerten «Bauten» in David Hermanns Inszenierung von «Eugen Onegin». Es sind die Menschen, die die Bühne beherrschen: ihre Unfähigkeit sich zu begegnen, die unausgesprochenen Sehnsüchte, die...