Das Leiden dieser Welt

Michael Thalheimer säkularisiert Wagners «Parsifal» am Grand Théâtre de Genève, Jonathan Nott liefert den passenden Sound dazu

Opernwelt - Logo

Roms Glaube ohne Worte!» wollte Friedrich Nietzsche in Richard Wagners «Parsifal» gehört haben, nachdem er vom Verehrer zum Intimfeind des Bayreuther Meisters mutiert war und auf dessen kunstreligiöse Anwandlungen nebst Keuschheitsethik nur mehr mit Bissigkeit antworten konnte.

Um die böse Sentenz des Philosophen bloß nicht zu bestätigen, tilgt Michael Thalheimer in seiner Genfer Neuinszenierung nun jeglichen visuellen Anklang ans Sakrale: Die Gralsritter praktizieren kein Abendmahl, Gurnemanz salbt seinem Schützling Parsifal weder Füße noch Haupt, der gereifte reine Tor verwandelt die Jüdin Kundry nicht via Taufe zur Christin. Diese Kunst des Weglassens passt perfekt zum Image des Regisseurs als Experte der radikalen Reduktion. Selbst Requisiten gibt es kaum. Nur der Speer des Amfortas, den ihm Klingsor einst entwand, taucht im zweiten Aufzug auf, hier dann als einzige neue Zutat auch eine Pistole, die Kundry mit sich führt, um ihren Peiniger in den letzten Takten des Akts ins Jenseits zu befördern. Streng abstrahiert taucht im Bühnenbild von Henrik Ahr dann doch das Kreuz auf, sowohl in den hellen Mauern der Gralsburg als auch in der pervertierten Variante schwarzer Quader im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Den Gott mir nahm

Von den komponierenden Söhnen Johann Sebastian Bachs hat es Johann Christoph Friedrich, der zweitjüngste, nur zu bescheidener Anerkennung gebracht. 1750 trat der gerade 17-Jährige als Cembalist und Kammermusiker in den Dienst des im niedersächsischen Bückeburg residierenden Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, wurde dort 1759 Konzertmeister und begnügte sich mit...

Kleiner Tod im Stehbett

Lachen oder weinen, quasi – bei schrägen Polkas, Walzern und Galopptiraden – innerlich mittanzen oder das Ganze politisch «kritisch» verstehen und dementsprechend für sich interpretieren? Diese Fragen, die als wesentliche (und ja nach wie vor spannungsvolle) ästhetische Ambivalenzen auf die Dichotomie der Rezeption von Dmitri Schostakowitschs Musik abzielen, kommen...

Prinz Harry darf nicht fehlen

Meerjungfrauen tauchen (im wahrsten Sinne des Wortes) wohl in fast allen Volksmythen auf. Während es sich bei der ersten (unserem heutigen Nixenbild entsprechenden) Meerjungfrau um die syrische Göttin Atargatis (aramäisch: Atar'ata)  handelt und wir in Deutschland die Figur der Undine kennen, ist Rusalka als Wassernixe in der slawischen Mythologie verankert....