Das Glück so fern
Die gute Nachricht zuerst: Jochanaan darf seinen klugen Kopf behalten. Der Henker verschont ihn, vermutlich weil er im Urlaub ist, und die königliche Familie scheitert bei dem ohnehin auch nur halbherzigen Versuch, den Propheten zu enthaupten. Salome scheint ein gewisses Mitgefühl für den religiösen Mann zu haben, der ihr trotz mehrmaliger Bitten den Wunsch verweigert hat, sie zu küssen, Herodes und Herodias hingegen haben einfach nicht den Mumm, um eine solch grausam-gruselige Tat zu begehen.
Jenes Messer, mit dem die judäische Prinzessin eine gute Stunde zuvor den sterblich verliebten Narraboth ins Jenseits beförderte (den Mord aber wie einen Suizid aussehen ließ), erfüllt seine Funktion nicht.
Glücklich ist darüber jedoch niemand. Jochanaan nicht, weil er zwar weiterleben darf, aber seiner wesentlichsten Gabe (schlimme Wahrheiten zu verkünden) beraubt wurde; sein Mund ist mit einem Knebel zugeklebt, er selbst hockt gefesselt und gedemütigt an einer der Gerüststangen, die vorher den mondän-sterilen Bungalow (Bühne: Stephan von Wedel) an Braunschweigs Staatstheater rahmten und schaut ziemlich betrübt aus der (zwischen beiger Bluse und ockerfarbener Hose changierenden) Wäsche. ...
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Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten
Puccinis «Tosca» firmiert in der italienischen Kapitale unter dem Rubrum «Lokaloper». Ein Wunder ist dies nicht, Handlungsorte und auch das Haus, in dem das Werk aus der Taufe gehoben wurde (das Teatro Costanzi), befinden sich allesamt in Roms Altstadt. Adolf Hohensteins Bühnenbilder und Kostüme für die Uraufführung anno 1900 leben in den zahlreichen...
Im Anfang ist, nein, nicht das Wort. Im Anfang ist die Musik. Eine zarte, sirenengleich aus dem Graben ansteigende, sich nach und nach intensivierende Melodie des Violon -cellos schwebt durch den Saal, bald begleitet vom sanften Schnarren des Schlagzeugs. Auf einer ständig hin und her flackernden Bildprojektion (Video: Jan Isaak Voges, Live-Kamera: Daniel Sorg)...
Schnee liegt im Winter auf den Bergen rund um Erl, Schnee liegt auch auf der Bühne der Tiroler Festspiele, inmitten von allerlei brüchigem Mobiliar. Die kosmische Ordnung ist zertrümmert, der Frühling kehrt nicht wieder – so erzählt es Nikolai Rimski-Korsakow in «Snegurotschka», seit Mutter Frühling und Väterchen Frost miteinander das titelgebende «Schneeflöckchen»...
