Eins mit dem Anderen

Seit 70 Jahren betreiben die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik ästhetische Grundlagenforschung. Doch wie verträgt sich die Utopie des autonomen Klangs mit den Ansprüchen von Musikdrama und Oper? Ein Zwischenruf des Komponisten HANS THOMALLA

Ein persönlicher Text von mir zu Darmstadt und zur Oper hat etwas von der Perspektive eines Scheidungskindes. Ich fühle mich wie ein Zögling beider ästhetischer Sphären, deren Beziehungsstatus gut mit dem Facebook-Begriff «it’s complicated» beschrieben werden könnte. Er ist voller Widersprüche.

Deren genauere Betrachtung scheint jedoch interessant nicht bloß im Blick auf meine eigene künstlerische Identitätsbestimmung – dieselben Widersprüche kennzeichnen meine kompositorische Arbeit, insbesondere meine Opern «Fremd» und «Kaspar Hauser» –, sondern auch für das Verständnis der Identität beider Institutionen und ­ihrer Ästhetiken.

Für einen jungen Komponisten, der Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre heranwuchs, hatte der Begriff «Darmstadt» bereits eine unglaublich starke Aura. Bis heute benennt er nicht einfach nur einen alle zwei Jahre stattfindenden Sommerkurs für Neue Musik, sondern er ist synonym geworden mit einer spezifischen musikalischen Ästhetik: der Utopie des befreiten Klanges. Befreit von außermusikalischer Rhetorik, Repräsentation, Ausdruck; von Tradition und ihren Stereotypen; von Tonalität im weitesten Sinne: aller Gesetzmäßigkeit «außerhalb» eines Werkes. Sich ...

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Opernwelt August 2016
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Hans Thomalla