Cave Canem

In Bregenz füllt David Pountney die Kassen mit Mozarts «Zauberflöte» und bestätigt mit André Tschaikowskys «Der Kaufmann von Venedig» seinen Riecher für Raritäten

Um 21.12 Uhr taucht die Sonne in den Bodensee – nicht zu den Klängen der «Zauberflöten»-Ouvertüre, noch nicht, sondern zu dumpfen Trommelschlägen. Ein Drachenboot umfährt den linken der drei Drachenhunde (anstelle der drei Tempel Vernunft, Weisheit und Natur) und zieht eine feierliche Kurve um den Panzer der Weltschildkröte, die Johan Engels als Bühne in den ­Bodensee gesetzt hat. Im Heck thront im schinkelblauen Glitzergewand die Königin der Nacht, im Bug Sarastro. In der Mitte drückt sich Pamina im weißen Kleidchen um den offenen Sarg ihres Vaters.

Und schon ist Schluss mit weihevoll. Sarastro gebiert aus feuerrotem Rock einen Spiderman-ähnlichen Alien, weitere Spinnenmänner seilen sich von den Hunden ab, Raketen zischen in den Nachthimmel. Ein Kampf entbrennt zwischen Sa­rastros Leuten und denen der Königin, bis Pamina gekidnappt und in den Buckel der Schildkröte verschleppt wird.

Wie David Pountney das letzte Seespiel seiner Intendanz einleitet, ist vielversprechend. Viele Aspekte des Konzepts sind hier schon enthalten: Die Königin ist ganz und gar nicht bereit, sich selbst und ihre Tochter der Führung weiser Männer frag- und kampflos zu überlassen. Sarastro muss sich das Erbe, ...

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Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Wiebke Roloff

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