Bürgerschreck, Bonvivant und Bühnenzauberer
Damals, 2003, mussten denkfähige Opernregisseure statt irrlichternder Shitstorms im Netz noch richtig analoge Protestgewitter aushalten, wenn sie die Sehgewohnheiten traditioneller Opernbesucher angegriffen hatten oder wenn sich politische und religiöse Gruppierungen durch widerständige Theaterideen ideologisch diskreditiert fühlen durften.
Hans Neuenfels, der sich längst seines Rufs als Provokateur und Enfant terrible der Bühnenkünste erfreute, machte eine knallende öffentliche Protest-Erfahrung, als er an der Deutschen Oper Berlin in seiner Inszenierung von Mozarts «Idomeneo» dem Publikum ein schockierendes Schlussbild präsentierte: den im Selbstzweifel zerbrechenden Idomeneo, den König von Kreta vor den Scherben seines Gott- und Götter-Glaubens. Das seelische Desaster identifizierte der Regisseur mit einem Bild des radikalen Religionszweifels, ja, des Bankrotts der großen Weltreligionen.
Was Neuenfels da zeigte, musste selbst im unheiligen Berlin von manchen als Zumutung empfunden werden: Vier Glaubensgründer werden mit ihren abgeschlagenen Köpfen, auf vier Stühle verteilt, vorgeführt, neben dem Griechengott Poseidon also Jesus, Mohammed und Buddha. Drohbriefe von sich ...
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Opernwelt März 2022
Rubrik: Erinnerung, Seite 60
von Wolfgang Schreiber
Drei kleine Bühnen ragen wie Inseln aus den Zuschauerreihen im Radialsystem hervor. Neben ihren Instrumenten haben Flötistin Kristjana Helgadóttir, Harfenistin Gunnhildur Einarsdóttir, Schlagzeuger Matthias Engler und Klarinettist Ingólfur Vilhjálmsson jeder ein kleines gläsernes Radio mitgebracht – Gebrauchsgegenstand und Kunsthandwerk im einen. Gemeinsam mit der...
Was für ein poetisches Bild. Eine Frau sitzt versonnen an einer Orgel, die Rechte sanft auf die Tasten gelegt, sie scheint darüber nachzudenken, wie der Ton, den sie gleich anschlägt, klingen möge, was er auslösen, bewirken könnte in all seiner Flüchtigkeit, Resonanz und (möglichen) Kontingenz. Oder ob nicht vielleicht nicht dieser einzige Ton imstande wäre, die...
Opernkritiker zu sein, das bedeutet manches Mal, mit dem eigenen Zynismus klarkommen zu müssen; mindestens aber mit dem Zynismus, der irgendwie in der Luft liegt, wohnt man einer Premiere an einem «großen» Hause bei. Diese Mischung aus Voreingenommenheit, Müdigkeit und vorauseilender Schadenfreude – wir kennen sie alle. Seien wir ehrlich.
Dieser Zynismus ist an so...
