Desdemonas Bruder

Britten: Billy Budd
Madrid | Teatro Real

Hermann Melville bleibt, noch über Thomas Bernhard hinaus, der Erzähler der «Untergeher». Dabei sind seine Protagonisten in ihrem Zugrundegehen scheinbar extrem gefächert. So jagt der «Moby Dick»-Käpt’n Ahab zeitlebens obsessiv dem «Weißen Wal» hinterher, um ihm schließlich selbst zum Opfer zu fallen: der Maniac schlechthin. Gegenpol ist im «Schreiber Bartleby» der autistische Dauer-Verweigerer («I prefer not to …»), der letztlich verhungern muss.

Quasi in der Mitte steht der Matrose Billy Budd: jung, schön, arglos, von vielen geliebt, manchen begehrt, schwärmerisch seinem Kapitän Vere zugetan. Doch der Engelhafte stottert, ist unfähig, sich verbal gegen die Meuterei-Anklage des  «Jago» Claggart zu wehren, den er beim Verhör unwillentlich erschlägt. Worauf er gehängt wird. Im Grunde ist er ein Bruder Desdemonas: edle Unschuld, als erotisches Objekt Auslöser mörderischen Affekts, in aller Ahnungslosigkeit den eigenen Untergang befördernd. Nicht zufällig war Thomas Mann ein enthusiastischer Bewunderer der Novelle, haben Melvilles Texte kompositorische Weiterungen gefunden: bei Olga Neuwirth «Moby Dick», bei Benjamin Schweitzer «Bartleby»; sogar Nono hat ihn in «Risonanze erranti» ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Gerhard R. Koch