Borderliner im Hinterhof

Verdi: Rigoletto Wien / Staatsoper

Da ist kein Becher mit dem Fächer, kein Kelch mit dem Elch. Und kein Hofnarr, wie ihn etwa Danny Kaye verkörperte. Sondern ein neurotischer Bruder Wozzecks – mit nacktem Oberkörper und verbogener Körpersprache, eine schmutzige Krause um den Hals, Außenseiter, aggressiver Borderliner, Ekel vom Dienst und daher Opfer von Mobbing und Häme.

So legte Simon Keenlyside den Rigoletto in der Premiere an der Wiener Staatsoper an, fiebrig, fesselnd, mit enormem persönlichem Einsatz – und doch scheiternd im Kampf gegen einen Virus, der ihn schon länger geplagt und gezwungen hatte, unter anderem die
Generalprobe auszulassen. Indes sollte und wollte der Londoner die Premiere singen, wohl auch der TV-Ausstrahlung (im ORF und in Classica) wegen. Er schaffte es, angestrengt und gleichzeitig überrumpelnd, immerhin bis zum «Cortigiani, vil razza dannata». In der Szene mit Gilda verlor er die Stimme und verließ die Bühne; nach kürzerer Pause, in der Myung-Whun Chung das Staatsopernorchester unbarmherzig weiterspielen ließ, kam er wieder, um den zweiten Akt zu Ende zu markieren. Ein Desaster? Oder ein Drama, wie es das Leben manchmal eben schreibt? Den dritten Akt sang Paolo Rúmetz, der bereits in der ...

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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Gerhard Persché

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