Bildnis einer entschieden Gespaltenen

Weggefährten erinnern sich: Irene Bazinger hat persönliche Texte über Ruth Berghaus zusammengetragen

Ich gehöre zu denen, deren Theaterbild nicht zuletzt durch Ruth Berghaus geprägt wurde. Die ersten Erfahrungen reichen tief in die DDR-Zeit zurück: 1964 hatte die Dresdner Gret Palucca-Schülerin die Kampf-Choreografie für Brechts Bearbeitung von Shakespeares «Coriolan» am Berliner Ensemble übernommen; wenig später bot sich Gelegenheit, die Inszenierung im Theater am Schiffbauerdamm zu sehen. Die entfesselte Dynamik und zugleich abgezirkelte Perfektion der Schlachtszenen wirkten bestürzend, auch irritierend.

Denn «realistisch», weder im Allerweltssinn noch im durchaus polaren der Brecht- oder Felsenstein-Ästhetik, wirkten die Aktionen ganz und gar nicht, sondern als schier absolute Körper-Kinetik. Ohne schon allzu viel Theater gesehen oder genauere Kenntnisse der Doktrinen des «Sozialistischen Realismus» zu haben, nagte leiser Zweifel, ob diese Tanz-Aktionen nicht doch von «Formalismus» zeugten, entsprechende Bannflüche nach sich ziehen müssten. Denn Oper wie Ballett sahen damals ganz anders aus. Gleichwohl stand Berghaus, zumal als Ehefrau des Brecht-Komponisten Paul Dessau, noch in der Gunst der SED, deren Mitglied sie 1962 wurde. Erst 1977 wurde sie als Intendantin des Berliner ...

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Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Medien / Buch, Seite 34
von Gerhard R. Koch

Vergriffen
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